"Geschlagen und getreten"
21.01.2010
(Corinna Pfaff). RostockDas Landgericht Rostock sah gestern aus wie eine Festung. Polizeibeamte auf allen Etagen, aufwändige Einlasskontrollen vor dem größten Gerichtssaal des Gebäudes, in den vor allem junge Leute drängten. Einige mit Piercings und Wollmützen, andere mit akkuraten Kurzhaarschnitten - augenscheinlich trafen hier Anhänger sehr unterschiedlicher Szenen aufeinander.
Friedlich, diesmal. Ziemlich brutal dagegen das Geschehen, das in dem Prozess verhandelt wird. Auf der Anklagebank sitzen drei Männer im Alter zwischen 22 und 41 Jahren. Ihnen wird Landfriedensbruch im besonders schweren Fall und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Michael Grewe, der älteste unter den Angeklagten, ist Mitglied des Landesvorstandes der NPD und Mitarbeiter der Landtagsfraktion. Den drei Männern wirft die Anklage vor, Rädelsführer bei einem Überfall auf Anhänger der linken Szene gewesen zu sein. Am 30. Juni 2007 seien beide Gruppierungen im gleichen Zug Richtung Rostock unterwegs gewesen. Die einen zu einer NPD-Demonstration in der Hansestadt, die anderen zur Gegendemo. Am Bahnhof Pölchow soll es dann zu einem überfallartigen Angriff der Rechten gekommen sein. Etwa 50 von ihnen hätten den haltenden Zug durchsucht und wahllos auf die Leute eingeschlagen und -getreten, die sie dem Aussehen nach dem linken Spektrum zuordneten, sagte Staatsanwältin Tanja Bierfreund. Holzlatten hätten sie aus einem Bahnhofszaun gerissen und damit ihre "Gegner" zum Teil erheblich verletzt. Prellungen und Kopfverletzungen seien die Folge gewesen.
Vier der etwa 50 Gegendemonstranten aus dem Zug sind Zeugen und gleichzeitig Nebenkläger in dem Prozess. Von einem "Gewaltexzess" sprach einer von ihnen nun vor Gericht. Der 36-jährige Maschinenbauingenieur aus Sachsen habe schon vor dem Halt in Pölchow Panik gespürt, als er hörte, dass "Nazis" hinten im Zug seien. Auf dem Bahnhof Pölchow hätten dann die Rechten den Zug regelrecht gestürmt, sie aus dem Wagen geprügelt und das Ganze auch noch gefilmt. "Jetzt seid ihr dran" und "Reißt ihnen die Piercings raus", habe er rufen gehört. Er habe sein Piercing tatsächlich verloren - bei einem Faustschlag, der seinen Kopf traf. Ob er den Mann, der ihn schlug, wiedererkenne, will der vorsitzende Richter wissen. "Der mich die ganze Zeit angrinst", antwortet der Zeuge und zeigt auf Grewe. Zwei weitere Zeugen identifizierten gestern den NPD-Landtagsmitarbeiter ebenfalls und ordneten ihm eine Führungsposition bei dem Überfall zu.
Der angeklagte vierfache Familienvater sieht die Sache offenbar anders. Sein Verteidiger, der NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski, hatte zuvor für seinen Mandanten erklärt, dass der Angriff von der linken Seite ausgegangen sei. Eine kleine, friedliche Gruppe national gesinnter Bürger, darunter auch Udo Pastörs, Chef der NPD-Landtagsfraktion, sei auf dem Weg nach Rostock gewesen, als in Schwaan zum Teil vermummte Linke in den Zug gestiegen seien. Er habe sich nur gegen deren Angriffe zur Wehr gesetzt. Fragen ließen Grewe und sein Anwalt nicht zu.
Was Ols Weidmann, Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter, als vergebene Chance sieht. Er findet, dass die Anklage das Geschehen gut zusammenfasst. Für die Nebenkläger gehe es um Aufklärung und um Rehabilitierung. Schließlich seien zunächst die Linken wie Beschuldigte behandelt worden. In dem Prozess wollen sich der 22-jährige und der 25-jährige Angeklagte vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern. Für die Verhandlung sind noch Termine bisMitte Februar geplant.
Nordkurier
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