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Suche nach der vergessenen Musik

16.01.2010

von Bert Schüttpelz

SCHWERIN - Einst berühmt und populär, später dennoch vergessen: Musik, deren Komponisten von den Nazis verfolgt, eingekerkert oder ermordet wurden, wenn sie nicht fliehen konnten. Diese Werke wieder aus der Versenkung hervorzuholen, ist Ziel des Schweriner Wettbewerbs "Verfemte Musik". 2001 erstmals vom Landesverband "Jeunesses musicales" und dem Konservatorium organisiert, findet dieser Ausscheid in diesem Jahr zum sechsten Mal statt. Vom 21. bis 26. September werden 80 talentierte junge Musiker aus aller Welt in Schwerin erwartet, die vor hochkarätig besetzten Jurys Werke verfemter Komponisten vortragen. Das Rahmenprogramm bietet Konzerte, Ausstellungen, Gesprächsrunden und vielfältige Begegnungen mit Zeitzeugen.

"Es ist eine Arbeit jenseits des Mainstreams, aber sie ist sehr wichtig und gewinnt an Dynamik", sagt Volker Ahmels, Direktor des Konservatoriums und Leiter des Projektes "Verfemte Musik", das vor wenigen Tagen von der Europäischen Union mit dem Golden Star Award ausgezeichnet worden war. "Es gelingt immer besser, immer mehr von dieser wunderschönen und sehr guten Musik aus dem Dunkel der Vergangenheit zu holen. Und sie war tatsächlich vergessen", erzählt Ahmels.

Der zum vierten Mal international ausgeschriebene, alle zwei Jahre stattfindende Wettbewerb soll dieser Entwicklung Rechnung tragen, seine Bewertungskriterien werden modifiziert, kündigt der Projektleiter an. "Die Neustrukturierung sieht jetzt zwei Wettbewerbskategorien vor: Kammermusik und Soloauftritte." Zugelassen sind besonders begabte, nicht professionelle junge Musiker im Alter von 15 bis 30 Jahren. Um angesichts der großen Bandbreite der Musik die Wettbewerbsbeiträge noch gerechter bewerten zu können, werden die Jurys größer. "Wir sind sehr glücklich darüber, dass sich wieder mehrere Komponisten und Musiker, die von den Nazis verfolgt wurden, bereit erklärt haben, in den Jurys mitzuarbeiten", betont Ahmels. "Und wir zollen all jenen jungen Musikern unseren Respekt, die diese Musik machen." Denn es sei eine sehr anspruchsvolle Musik, die hohe Anforderungen an die Interpretation stelle.

Nicht unerwähnt lassen will Ahmels in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die jungen Musiker sich nicht nur technisch und künstlerisch mit den einst verfemten Kompositionen ausein andersetzen, sondern zugleich auch mit Geschichte. Wer in Archiven und Bibliotheken stöbere, mit Zeitzeugen und ihren Nachfahren spreche, der lerne ganz automatisch auch sehr viel über historische Zusammenhänge.

Genau darauf zielt das Projekt "Verfemte Musik" nämlich auch ab. "So wird Geschichte lebendig", sagt Ahmels. "Und zugleich für Kinder und Jugendliche fassbar und spannend." In den vergangenen Jahren hatten sich feste Kontakte des Projekts mit dem Gymnasium Fridericianum und dem Goethegymnasium entwickelt, die zu Ausstellungen, Theaterinszenierungen und Studienreisen geführt hatten. Auch in diesem Jahr stehen wieder mehrere Vorhaben auf dem Programm: So arbeiten Schüler des Fridericianums an dem Theaterstück "Alexandre Tansman - Weg ins Exil". Sie erforschen Leben und Werk des polnisch-französischen Komponisten, der in den 20er- und 30er-Jahren zu den bekanntesten gehörte und dann vor den Nazis nach Amerika fliehen musste. Dort lernte er unter anderem Charlie Chaplin kennen, der ihm den Weg nach Hollywood ebnete, wo er auch mehrere Filmmusiken komponierte. In der Niels-Stensen-Schule wird eine Ausstellung über das künstlerische Werk Tansmans erarbeitet, deren Präsentation ins Festivalprogramm eingebunden sein wird, zu dem übrigens auch Tansmans Töchter erwartet werden. "Besonders freue ich mich auch auf Coco Schumann", sagt Volker Ahmels. Der 85-jährige Musiker, der das KZ Auschwitz überlebt hat, wird am 24. September mit seiner Band im Foyer der Stadtwerke auftreten. Und noch einen Star hat der Projektleiter eingeladen: Norman Shetler, der im vergangenen Jahr bei seinem ersten Schwerin-Besuch mit wahren Begeisterungsstürmen gefeiert wurde.

Schweriner Volkszeitung-Schwerin

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