Events für Kinder
Anhänger der rechtsextremen Szene bemühen sich um Einfluss in Schule und Kindergarten - der eigene Nachwuchs wird frühzeitig auf den Kurs "völkischen Gemeinschaftslebens" gebracht.
11.12.2009
"Knecht Ruprecht ruft Familien mit Kleinkindern zum Fest", so hieß es kurzzeitig auf der Internetseite der NPD in Lüneburg. Die Feier für den Nachwuchs ist für den 12. Dezember geplant - der Veranstaltungsort bleibt geheim.
Ein großer Teil der über 30 000 weiblichen und männlichen Rechtsextremisten bundesweit gründen zur Zeit eigene Familien, oft stammen bereits beide Elternteile aus der Szene. Damit wird auch die Kindererziehung zwangsläufig zum Politikum. Ziel extrem rechter Frauen und Männer ist es langfristig, eine "nationale Gegenkultur" für die gesamte Familie zu schaffen.
Gemäß der eigenen Ideologie gelten Familien als "kleinste Einheiten völkischen Denkens", bleiben somit nicht dem Privatleben einzelner Anhänger überlassen. Entsprechend dieser Logik soll die ganze Familie als Teil eines ganzheitlichen Denk- und Lebensprozesses die anvisierte nationale "Volksgemeinschaft" stärken und langfristig etablieren. Die Kinder der "Bewegung" sollen dabei "Schutz, Geborgenheit und Identität der Gemeinschaft" erfahren" und so natürlich auf den Kurs "völkischen Gemeinschaftslebens" gebracht werden.
Die Bedeutung "weicher" Politikformen wird tendenziell unterschätzt
Bis zu ihrem Verbot im März 2009 organisierten sich viele selbst ernannte Erzieher/innen der Szene in der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ). Seit der Zerschlagung der zentralen Vereinsstruktur durch das Bundesinnenministerium scheinen sie sich auf dezentrale Unterschlüpfe zu verlagern. Doch der Charakter ihrer pädagogischen Ziele wird sich kaum ändern - eines hieß: "kompromisslos für die Verbreitung" ihrer Ideologie auf "breiter Front" zu sorgen. Es gab zudem laut Behördeninformationen einen "eindeutigen Appell "in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf mit Ehrgeiz und Ausdauer entscheidende Positionen zu besetzen". Am unauffälligsten mag das den Frauen und Mädchen gelingen.
Um Einflussnahme in Schule und Kindergarten ihrer Kinder scheint sich auch die Ehefrau des NPD-Landtagsabgeordneten und HDJ-Anhängers Tino Müller aus Ferdinandshof bei Ueckermünde zu bemühen. Während ihr Ehemann im Schweriner Schloss mit seinen Redebeiträgen oft für Entsetzen und Empörung sorgt, betreut sie daheim die beiden Söhne. Doch nicht nur das: Im Kindergarten ihres Jüngsten bot sie sich an, alte Haushaltspraktiken zu vermitteln. Ein Anzeigenblättchen der Region berichtete über ihre private Aktion beim Korn schroten und Brot backen mit Kindern. Ein weiteres Freizeitangebot galt der Grundschulklasse ihres älteren Sohnes. Dort allerdings soll ihre Yoga-Stunde für Kinder nur auf wenig Begeisterung gestoßen sein, heißt es. Aufmerksame Gemeindemitglieder wurden durch diese Bemühungen aufgeschreckt, sie argwöhnen, dass hinter diesen Bemühungen nicht nur privates Interesse stecken könnte.
Bereits 2008 wurde bei einem Treffen der Bundesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik durch Expertinnen davor gewarnt, dass der "Aktionsradius" von Frauen sich häufig auf den "sozialen Nahraum" erstrecke und oft nicht als "genuin politisch" angesehen werde. Die Politikerinnen warnten unter anderem, dass die "Bedeutung so genannter "weicher" Politikformen tendenziell unterschätzt" werde.
Anfang November veröffentlichte die NPD in Ostvorpommern empört eine Meldung mit dem Titel "Nationale dürfen sich nicht für den Erhalt eines Kindergartens engagieren". Hintergrund war: Matthias Schubert, mehrfacher Familienvater aus einem Dorf bei Demmin in Mecklenburg-Vorpommern hatte zuvor versucht, die ehrenamtliche Geschäftsführung eines Kindergartens zu übernehmen. Der war aus finanziellen Gründen im Spätherbst geschlossen worden. Ein von der Gemeinde zusammen mit einem regionalen Träger entwickeltes Alternativkonzept scheiterte zuvor. "Nicht zuletzt wohl auch wegen der massiven Agitation von Herrn Schubert", glaubt Günther Hoffmann, Rechtsextremismus-Experte aus Anklam. Der Schmiedemeister aus Bartow, den die NPD später als Parteimitglied vorstellte, soll 2009 noch als unabhängiger Kandidat zur Kreistagswahl kandidiert haben - war also nicht unbedingt als Rechtsextremist aufgefallen. Nur wenige Wochen nach der Schließung des Kindergartens bot sich der Familienvater als Geschäftsführer an, der Bürgermeister konnte jedoch die Nähe zur NPD aufzeigen. Eine Gemeindevertretersitzung habe Anfang November die versuchte "Übernahme" abgelehnt, so Hoffmann. Viele Eltern hätten sich empört gezeigt, ihnen sei Schuberts mögliche politische Intention nicht bekannt gewesen.
"Mit dem darf ich nicht spielen, der hat einen jüdischen Vornamen"
Versteckte Agitation nach außen - verstärkte Stabilisierung nach innen. Immer selbstbewusster nehmen viele Neonazis ihre Kinder mit zu konspirativen Brauchtumsveranstaltungen oder einschlägigen Kulturevents. In der Einladung der geplanten Sonnenwende der NPD in Rheinland-Pfalz im "nördlichen Rheinhessen" am 19. Dezember heißt es ausdrücklich: "Kinder sind kostenfrei". Auf dem Einladungsschreiben prangt eine große lächelnde Sonne. Das Programm dagegen verheißt eher Ideologisches: so werden "Heimaträtsel", Vortrag, Feierfolge, gemeinsames Abendessen und ein Liederabend angekündigt. Immer häufiger berichten Aussteiger davon, dass Kinder von Kameraden mit dem Liedgut der "Hitlerjugend" heranwachsen oder Textstellen der kriminellen Band "Landser" auswendig aufsagen können. Auch werden bereits Kleinkinder nicht selten mit Polizei-Razzien in ihrem Zuhause konfrontiert. Sie wachsen in einer oft militanten, menschenverachtenden Parallelwelt auf, sollen aber gleichzeitig im normalen Schulalltag "funktionieren". Lehrerinnen und Lehrer oder Kindergärtnerinnen hören von betroffenen Kindern oft Sätze wie: "Das darf ich nicht erzählen" oder "Mit dem darf ich nicht spielen, der hat einen jüdischen Vornamen".
Im Sommer wurden Rufe nach Jugendschutz und Kindeswohlgefährdung laut, als zahlreiche Neonazis, darunter auch vorbestrafte, in den Polizeikontrollen zur Sonnenwendfeier in Eschede steckten und ihre Kinder im Fond der Autos alles miterlebten. Was genau auf dem abgelegenen Gelände in der Lüneburger Heide zelebriert wurde, bekamen die Celler Behörden kaum mit: es war keine Dauerpräsenz vor Ort. Demnächst steht erneut eine Sonnenwende der als gewalttätig geltenden "Kameradschaft Celle 73" an. Dazu werden wieder hunderte von Rechtsextremisten erwartet - den Nachwuchs im Schlepptau.
Blick nach Rechts
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