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Mit Doppeldeutigkeit auf Wählersuche
22.09.2009
Von Siegfried Denzel
Ostvorpommern. Wer Beispiele für geplante Karrieren sucht, wird nicht nur bei systematisch aufgebauten Pop-Sternchen fündig: Michael Andrejewski, der sich für die rechtsextreme NPD im Bundestagswahlkreis 16 (Greifswald-Ostvorpommern-Demmin) um ein Direktmandat im Berliner Parlament bewirbt, ist von seiner Partei geradezu generalstabsmäßig aufgebaut und 2004 mit einem klaren Kampfauftrag nach Anklam geschickt worden: "Durch andauernde kommunale Arbeit", so war jahrelang auf der NPD-Internetseite schwarz auf weiß nachzulesen, soll der heute 50-Jährige "eine solide Basis für eine nationale Alternative schaffen, die einst das herrschende Parteiensystem ablösen soll".
Aus Sicht der Extremisten hat der am 12. August 1959 in Baden-Baden geborene Andrejewski in Anklam und Ostvorpommern exzellente Arbeit geleistet: Seit er von der NPD zum Ortsbeauftragten ernannt und von der Hamburger "Liste für Ausländerstopp" nach Anklam gewechselt ist, schafften die Rechten den Einzug in die Anklamer Stadtvertretung und den ostvorpommerschen Kreistag (jeweils 2004 und 2009) und den Landtag (2006); Andrejewski selbst sitzt in allen drei Parlamenten - und zeigt dabei zwei unterschiedliche Gesichter: Auf kommunaler Ebene fällt der Junggeselle durch seine Unauffälligkeit auf - von ihm sind weder in der Stadtvertretung noch im Kreistag unbotmäßige Zwischenrufe noch Pöbeleien bekannt; stattdessen brachte er mit populistischen Anträgen die Vertreter der demokratischen Parteien manches Mal in Erklärungsnot: Denn wie sollten CDU, SPD, die Linken und auch die Bürgerlisten im Anklamer Stadtparlament ohne Verrenkungen einen Antrag Andrejewskis ablehnen, in dem dieser für Anklam die Kreisstadt-Rolle in einem künftigen Großkreis Südvorpommern reklamiert? Wäre es nach Andrejewski gegangen, wäre Ostvorpommern aber auch schon aus der EU-finanzierten Kommunalgemeinschaft Pomerania ausgetreten und hätte damit auf mehrere Millionen Euro Fördermittel verzichtet.
Auf Landesebene zeigt der NPD-Mann indes sein zweites Gesicht: Zusammen mit Fraktionschef Udo Pastörs und dem Landesvorsitzenden Stefan Köster gilt Michael Andrejewski hier als Spezialist fürs Grobe: Nach Angaben der Landtagsverwaltung fing er seit seinem Parlamentseinzug bereits 18 Ordnungsrufe und zwei Sitzungsausschlüsse ein - Sanktionen, die parteiintern das Ansehen des 50-Jährigen eher noch fördern. Obwohl er bislang noch kein bedeutsames Partei-Amt bekleidet hat, steht er nach Einschätzung von Szene-Insidern in der Hierarchie mittlerweile ganz oben.
Denn Andrejewski habe der NPD ganz im Nordosten der Republik auch deshalb wiederholt gute Wahlergebnisse gebracht, weil er die sogenannten Freien Kameradschaften enger an die Partei habe binden können. Und Andrejewski wird innerhalb der Partei ebenfalls "gutgeschrieben", dass seine beiden Wahlkreismitarbeiter Enrico Hamisch und Alexander Wendt in einer ehemaligen Konsum-Kaufhalle in der Pasewalker Straße in Anklam das Projekt einer "Volksbücherei" und eines Versandhandels namens "Pommerscher Buchdienst" etablieren konnten: Das vor allem im Internet tätige Unternehmen der beiden Andrejewski-Mitarbeiter sei in Sachen rechter Literatur und Devotionalien bundesweit die Nummer zwei hinter dem "Nationalen Warenhaus" des in Riesa ansässigen
Deutsche-Stimme-Verlags, schätzen Insider. Außerdem: Tritt der Jurist Andrejewski in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt vor allem für Mandanten aus der Szene in Aktion, gibt er die Pasewalker Straße ebenfalls als Adresse seiner Kanzlei an.
Dass der 50-Jährige am 27. September der CDU das Bundestags-Direktmandat abnehmen und damit nun auch den Sprung nach Berlin schaffen wird, gilt indes selbst bei den Rechten als ausgeschlossen. Schließlich, so hatte sich jüngst der unter der Anklage der Volksverhetzung stehende Schweriner NPD-Fraktionschef Udo Pastörs über Andrejewski geäußert, sei dieser in der Region für die Partei unverzichtbar. Dessen durchaus doppeldeutiger Wahlkampfslogan "Ein rechter Anwalt für das Volk" ist denn auch eher dazu gedacht, der NPD und seinem hiesigen Allzweck-Funktionär einen Deckmantel der Bürgerlichkeit zu verschaffen. Verfassungsschützer hingegen ordnen ihn vielmehr als "knall-
harten Neonazi" ein, der seine Partei - so wörtlich - im Krieg mit demokratischen Parteien und den Medien sieht. Wegen Zweifeln an seiner Verfassungsmäßigkeit hatte Andrejewski im vergangenen Jahr auch nicht als Landratskandidat seiner Partei in Ostvorpommern antreten dürfen.
Nordkurier-Anklam
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