"Ich empfand grenzenloses Entsetzen"
01.08.2009
Barth/Auschwitz - "Wenn man einmal in Auschwitz war, dann zieht es einen immer wieder dorthin. Man fühlt sich mit den Opfern verbunden, schließt mit ihnen irgendwann Frieden und will einfach nur bei ihnen sein", sagt Annemargret Pilgrim.
Erst vor wenigen Tagen ist die Barther Pfarrerin von einer Fahrt nach Auschwitz zurück gekommen. Gemeinsam mit Christiane Schuldt von der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth und Gymnasiallehrer Oliver Bredow begleitete sie 29 Jugendliche aus Barth und der Umgebung.
Auf der Projektfahrt, organisiert von der evangelischen Kirchengemeinde Barth, der DOK und dem Katharina-von-Hagenow-Gymnasium, wollten sie mit den jungen Leuten darüber ins Gespräch kommen, was Andersdenkende, -glaubende und -seiende während der NS-Regimes in Deutschland an Grausamkeiten erleiden mussten, und ihnen so die Möglichkeit geben, sich mit dieser Zeit intensiver auseinanderzusetzen. Hierfür verbrachte die Gruppe vier Tage in Auschwitz, dem heutigen Oswiecim.
Auf dem Programm standen unter anderem Führungen durch das Stammlager Auschwitz und durch das Vernichtungslager Birkenau sowie ein Zeitzeugengespräch mit Wilhelm Brasse. Doch schon die ersten Schritte in Richtung Stammlager waren für die Jugendlichen erschreckend. Die Worte "Arbeit macht frei" prangen über dem Tor. "Das ist so zynisch. Die durch dieses Tor gehen mussten, waren vollkommen ihrer Freiheit beraubt", sagt Henriette Lanz. Die Schülerin der neunten Klasse des Gymnasium gehörte zur Gruppe. Wobei Henriette bei jedem Schritt, der sie weiter auf das Lagergelände brachte, denken musste, dass dort überall Menschen umgebracht wurden. "Ich fragte mich, wie können Leute, unsere Vorfahren, so etwas machen? Wozu sind Menschen fähig?", so die Schülerin, der der Anblick der abgeschnittenen Menschenhaare und die Unmengen an Kinderschuhen sehr nahe ging. "Ich empfand grenzenloses Entsetzen. Den Anblick der Kindersachen konnte ich nicht ertragen, weshalb ich da schnell wieder raus bin", sagt sie. Auch die unzähligen Fotografien von Häftlingen hielt sie nicht lange aus. "Ich konnte in ihre Gesichter nicht schauen. Vor ihnen zu stehen und daran zu denken, was mit ihnen passierte, das ging nicht." Sophia Wienke, ihre Freundin, kann es ebenfalls nicht begreifen. "Was ging in den Menschen vor, die das taten. Sie waren Deutsche, wie wir es sind. Ich bin total beschämt", meint sie. Für beide Mädchen ist es deshalb sehr wichtig, sich dem Thema zu stellen. "Als Nachgeborene haben wir eine Verantwortung. So etwas darf nie wieder passieren. Wobei die Anfänge schon dort beginnen, wo Andersseiende und -aussehende in der Schule oder auf der Straße verprügelt werden", meint Henriette Lanz.
Nicht unberührt ließ die Jugendlichen noch eine andere Begegnung in Auschwitz. Während ihres Arbeitseinsatzes im Stammlager - sie führten Erhaltungsarbeiten an der Straße als Zeichen der Solidarität mit den Opfern durch -, wurde ihnen "German pfui" zugerufen. "Man kann es denen nicht verübeln, nachdem was passiert ist, dass sie so reagieren", sagt Sophia Wienke, die sich als Deutsche schon in die Enge gedrückt fühlte.
Ihre Gedanken und Empfindungen hielten einige Schüler in einem Tagebuch fest. Auch Gedichte schrieben sie. Andere filmten die Projektfahrt. Ihre Eindrücke und Erfahrungen, die sie in Auschwitz machten, werden die Schüler zusammen mit Bildern in einer Ausstellung darstellen, die im Oktober im Barther Gymnasium zu sehen ist. "Leute, die nicht da gewesen sind, können es sich nicht vorstellen", sagt Henriette Lanz. Sie war ebenso wie die anderen auch auf das Vernichtungslager Birkenau mit seiner Größe nicht vorbereitet, obwohl Oliver Bredow in seiner Politik-AG mit den Jugendlichen zuvor über Auschwitz gesprochen hatte. "Doch dann die Gasduschen, die Verbrennungsöfen und die Häftlingsbaracken mit eigenen Augen zu sehen, geht über jede Vorstellung", sagen die Mädchen.
Auf der Rückfahrt machte der Bus in Krakau halt, wo eine Führung durch das historische Judenviertel stattfand, in welchem zum Teil der Film "Schindlers Liste" gedreht wurde. Die Projektfahrt wurde durch das Bildungsministerium, den Landkreis Nordvorpommern, durch die evangelische Kirchengemeinde Barth und durch Barther Politiker und Unternehmen finanziell gefördert. Wobei Annemargret Pilgrim enttäuscht ist, dass einige der gemachten Zusagen von Barther Politikern noch nicht umgesetzt wurden.
CLAUDIA HAIPLICK
Ostseezeitung-Ribntitz-Damgarten
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