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Nachsitzen für die Demokratie
Vielen Menschen im Landkreis Güstrow, vor allem Jugendlichen, mangelt es offenbar an Demokratie-Verständnis. Politik und Friedrich-Ebert-Stiftung beobachten eine ausgeprägte Neigung zum Rechtsextremismus. Eine Forderung: Schulen sollten schnell reagieren.
26.06.2009
Jugendliche im Landkreis Güstrow sind teilweise weit weg von demokratischen Grundwerten. Dies zeigen Ergebnisse von Projekten, die - über das Bundesfamilienministerium finanziert - zu mehr Toleranz und gegen Rechtsextremismus wirken sollen. Wenn sie könnten, würden sie Vergewaltiger und Kindsmörder zum Tode verurteilen, fremde Religionen ausgrenzen bzw. nicht fördern. So formulierten es Jugendliche, die an der Güstrower Berufsschule lernen. In einem Projekt sollten sie Parteien gründen und eigene politische Inhalte formulieren. Was herauskam, sei teilweise erschreckend, findet Jens-Hagen Schwadt, Chef des Filmklubs, der das Projekt durchführte. So gründete sich z.B. eine fiktive "Partei der Deutschen Freiheit".
"Das sind die Gedanken, die die Jugendlichen von zu Hause mitbringen", erklärt Jugendarbeiterin Heike Mittelstädt. Der Ansatz sei, dies herauszukitzeln, ohne dagegen zu reden. Die Teilnehmer sollten bewusst pointiert argumentieren; später habe es dann eine Diskussion über die Inhalte gegeben. Ein Ergebnis: Am Ende waren fast alle gegen die Todesstrafe.
Studie: Hohe Tendenz zum Chauvinismus in MV
Bedrückt ist auch SPD-Landtagsabgeordneter Norbert Nieszery, der als Gesprächspartner teilnahm. "Die Inhalte waren sehr authentisch", so Nieszery. "Die Diskussion zur Todesstrafe hat mich erschrocken." Nieszery appelliert: Mehr Menschen müssten sich in die Gestaltung der Demokratie einbringen. Es mangele leider vielen an Grundwerten; Ablehnung des Systems werde oft ohne Information vererbt. Ein großes Thema dabei: latenter Rechtsextremismus. "Es gibt viele Defizite", erklärt Nieszery. "Das ist kein Landkreis-Phänomen." Eher ein ostdeutsches. Der SPD-Mann fordert: "Es ist Aufgabe von Schule und Familie, die demokratischen Werte zu stärken."
Das unterstreicht auch Eckhardt Rehberg, CDU-Bundestagsabgeordneter: In 9. und 10. Klassen sollte an Schulen mehr jüngere Zeitgeschichte als z.B. das Altertum unterrichtet werden, damit junge Menschen ihre jetzige Gesellschaft überhaupt verstehen. Auch Rehberg fordert mehr Eigenverantwortung von jedem. Er sehe mit "großer Sorge", wie sich ganze Bevölkerungsgruppen von der Gesellschaft abkoppeln. Potenzial wiederum für politische Rattenfänger am rechten Rand. "Was soll die Gesellschaft machen? Ich habe keine Antwort."
Dass speziell Mecklenburg-Vorpommern ein Problem mit rechtem Gedankengut hat, bestätigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Zeit von 2002 bis 2008: Demnach befürworten Menschen hier mit auffällig hohem Prozentsatz (im Bundesvergleich) eine Diktatur, Sozialdarwinismus, Ausländerfeindlichkeit, die Verharmlosung des Nationalsozialismus und haben eine "überdurchschnittliche Tendenz zum Chauvinismus".
Einen Mangel an demokratischer Bildung will dagegen Hermann Kues, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, im Osten nicht erkennen - auch keinen differenzierten Handlungsbedarf. "Rechtsradikale gibt es auch in den alten Ländern", sagte er gestern in Güstrow. "Ein Grundsatz-Problem."
Schweriner Volkszeitung-Güstrow
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