"Ich muss einfach immer wieder zurückkehren"
22.04.2009
Von Silke Voss
Below. ,,Ich hasse das Todesmarsch-Museum." Dieser Satz aus dem Mund eines erst 20-Jährigen, dem der Prozess wegen eines Attentats auf die Gedenkstätte im Belower Wald gemacht wurde, hat Günter Morsch entsetzt. Außer diesem Zitat, mahnend erinnert vom Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten beim jüngsten Treffen mit Überlebenden in Below, fiel das Wort "Hass" nicht. Obwohl die Häftlinge, die im kalten April 1945 von der SS hier gefoltert wurden, Grund gehabt hätten zu hassen. Wie schaffen es Betroffene, jährlich an den Ort des Grauens zurückzukehren und diesen Weg noch einmal ein Stück zu gehen? Marcel Suillerot aus Dijon sagt in Below: "Weil ich das Bild nicht loswerde, wie ich Kameraden verloren habe. Ihnen bin ich verpflichtet, immer wieder zurückzukehren." In sein gütiges, nun schon 86-jähriges Gesicht gerät Bewegung, wenn er sich erinnert: "Nie vergesse ich, wie
ein älterer Mann, dem Jüngere helfen wollten, sagte: ,Lasst mich hier sterben, geht weiter. Ihr seid jung." Nur ein Kilo Brot musste reichen als Ration beim Marsch vom KZ Sachsenhausen angefangen. Nahrung boten sonst nur das zarte Frühlingsgrün der Bäume, Sauerampfer, Löwenzahn. Das und das Schlafen auf nassen Boden ohne Decke erzeugte Durchfälle, erzählt der Franzose.
Doch wer aus der Kolonne ausscherte, seine Notdurft zu verrichten, wurde erschossen. So ließen die Häftlinge aus Solidarität den Bedrängten in die Mitte, dass dieser sein Geschäft machen konnte. Schaffte er es nicht und geriet in die letzte Marschreihe, bedeutete das seinen sicheren Tod, denkt Suillerot mit Schrecken zurück.
Kaum zu fassen, dass sich das in diesem nun idyllischen Buchenwald abgespielt hat. Zweifellos atmet dieser Ort, an dem jährlich mit etwa 60 überlebenden Franzosen und deren Angehörigen das Treffen "en memoire de la marche de la mort" ("In Gedenken an den Todesmarsch", wie es poetisch klingend französisch heißt) eine berührende, besondere Atmosphäre. So sieht sich nun Günter Morsch als Leiter Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten darin bestätigt, an dem Museum just am Ort des Geschehens festzuhalten - obwohl so fern ab, mitten im Wald. Zumal er nun ankündigen konnte, dass die Finanzierung von rund 800 000 Euro für die Neukonzeption gesichert sei. Der Entwurf einer Berliner und Stuttgarter Architektengemeinschaft sieht die Gestaltung eines neuen Bereiches mit Glasstelen vor, der den Belower Wald als historischen Ereignisort mit Mahnmal und Todesmarsch-Museum einfasst, ohne ihn durch fremde Gestaltungselemente zu überformen. Die Gedenkstätte wird dann zu allen
Zeiten zugänglich. Die Wiese neben dem Wald, auf der das Ausstellungsplateau errichtet wird, wurde inzwischen von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erworben. Zudem soll die denkmalgeschützte Pflasterstraße zum Museum saniert und teils mit Asphalt versehen werden, sagte Stiftungs-Sprecher Horst Seferens.
Und gibt es Schutz vor der Zerstörungswut solcher "Hasser" des Todesmarsch-Museums? "Davon abgesehen, dass wir massive Pressglas-Tafeln aufstellen, wollen wir uns nicht von vornherein von denen diktieren lassen, die Schaden anrichten", meint Seferens.
Nordkurier-Waren
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