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Vorwürfe an Rathauschef wegen Konzertabsage

Aktionstag-Absage. Eigentlich sollte im Schützenhaus Loitz ein Aktionstag gegen die Neonazis stattfinden. Doch der Rathauschef sagte die Vortrags- und Konzert-Veranstaltung kurzfristig ab. Und sieht sich nun Vorwürfen ausgesetzt, sich rechtsextremen Drohungen zu beugen.

13.01.2009

Von Stefan Hoeft

Loitz. Die Stadt Loitz und Bürgermeister Johannes Winter (CDU) sehen sich seit dem Wochenende Vorwürfen ausgesetzt, sich rechtsextremen Drohungen zu beugen und den Neonazis Vorschub zu leisten. Auslöser ist eine Vortrags- und Konzert-Veranstaltung gegen rechte Gewalt, die Sonnabend im Schützenhaus über die Bühne gehen sollte, die der Rathauschef aber kurzfristig absagte. Er weist die Kritik zurück, macht Sicherheitsbedenken und seine Verantwortung für die Konzertgäste geltend.

"Bunt, niedlich, weltoffen", waren die Plakate für Sonnabend überschrieben. In den Aktionstag einbetten wollten die Veranstalter nachmittags zwei Vorträge, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus befassen und insbesondere auf die Szene im Nordosten eingehen. Dazu passend sollte zwischendurch die in Vorpommern gedrehte Fernsehdoku "Da ist man lieber still" laufen. Die Filmemacher begaben sich abseits von Sensationen in eine Region, in der rechtsradikales Gedankengut in vielen Wohnzimmern zuhause ist. Hier präsentierten sich die Nazis inzwischen ungeniert als "die netten Jungs von nebenan", ohne Springerstiefel, Glatzen und Bomberjacken, heißt es in der Filmkritik. Und die NPD werde vielerorts nicht als verfassungsfeindlich und rassistisch sondern als ganz normale Partei wahrgenommen.

Im Anschluss an den Vortragsnachmittag war im Schützenhaus ein "antifaschistisches Konzert" geplant - mit der ortsansässigen Band "Feine Sahne Fischfilet". Gemeinsam mit Gruppen wie "The toten Crackhuren im Kofferraum", "Ostmaul" und "total panic reaction" sowie dem "DJ-Team der Saufproleten" wollten sie dafür sorgen, dass für die Besucher alles mögliche zu hören sei - von electro über punk, ska, hiphop und hardcore.

Schon im Oktober rückten Mitglieder von Feine Sahne Fischfilet bei der Kommune an, um ihre Pläne vorzustellen. Und stießen auf offene Ohren, wie die Szene bestätigt. "Ich habe das für sehr positiv gehalten", erklärte Bürgermeister Johannes Winter jetzt noch einmal gegenüber Nordkurier, "und deshalb mit unserem Kunstverein gesprochen und gesagt, dass wir das Schützenhaus kostenlos zur Verfügung stellen." Auch Schule, Sozialarbeiter und den Loitzer Katecheten holte das Stadtoberhaupt demnach mit ins Boot, anschließend wurde kräftig Werbung gemacht, so dass sich eine große Resonanz abzeichnete.

Widerhall fand das Ganze allerdings auch auf der "anderen" Seite: Die rechte Szene machte massiv mobil gegen die Veranstaltung, verteilte beispielsweise Mitte der Woche Flyer und Aufkleber, die unter anderem einen Schluss mit "linken Hasskonzerten" forderten und als Werk einer Kameradschaft Loitz ausgegeben wurden.

Dass solche Umtriebe im Bereich Loitz existieren, weiß der Bürgermeister. "Ich möchte niemanden an den Pranger stellen. Aber es gibt auch bei uns Jugendliche, meist sozial benachteiligte, die den Rechten nachlaufen." Dies liege daran, dass sich so mancher nicht mehr aufgehoben fühle in Gesellschaft und Staat, aus diesem Grund eine andere Orientierung suche. Er unterstütze jede Initiative, die dem entgegen trete, versicherte der Rathauschef, verwies jedoch auf zwei für ihn gravierende Gegensätze dabei: "Die Rechten haben unrecht, wenn sie mich bedrohen, das sage ich ganz klar. Aber sie ordnen sich ja ein in das demokratische Spektrum - die NPD ist eine zugelassene Partei - auch wenn sie völlig undemokratische Ziele verfolgen."

Für Winter gaben vor allem Gerüchte, dass die Rechten am Sonnabend drei Busse voll mit ihren Anhängern in Loitz anrollen lassen wollten, den Ausschlag für den Rückzieher der Stadt. Wobei er betonte, eigentlich nur das abendliche Konzert von der Veranstaltungsliste gestrichen zu haben, nicht die Nachmittagspläne. "Die Vorträge hätte ich sogar mit 800 Euro unterstützt, das war es mir wert. Doch die Veranstalter wollten das nur zusammen mit der Disko machen. Und diese Szene wäre aus meiner Sicht nicht mehr beherrschbar gewesen." Daran habe auch die Einschätzung der Polizei nichts geändert, die ihm die Entscheidung überließ.

Die nämlich war auf den Aktionstag gut eingestellt, wie Eckhard Mohns, Leiter der Inspektion Demmin, gegenüber Nordkurier erläuterte. "Wir haben nach den uns vorliegenden Informationen unsere Kräfteplanung gemacht", unterstrich er. Und die sei so aufgestellt gewesen, dass seine Beamten die Sicherheit hätten gewährleisten können - wobei es natürlich immer ein Restrisiko gebe. "Wir waren gewappnet dafür, aber wir sind ja nicht der Veranstalter."

"Eine Gefahr ist trotzdem da", meinte Johannes Winter. Zumal bei diesen Veranstaltungen zu später Stunde wohl auch nicht gerade wenig Alkohol fließe. Wären die Drohungen nur gegen ihn oder Sachwerte gerichtet, könnte er so ein Risiko trotzdem eingehen. Doch hier sei es um eine große Anzahl junger Leute gegangen, hauptsächlich im Alter von 14 bis 25 Jahren, verdeutlichte der Rathauschef. "Und das war mir zu riskant, Leib und Leben von diesen Jugendlichen zu gefährden. Auch nicht zu Gunsten berechtigter politischer Ziele."

Die Stadt Loitz stelle sich mit ihrer Absage ein Armutszeugnis aus, heißt es derweil aus den Reihen der linken Szene. Denn damit knicke deren Führung nicht nur vor der neonazistischen Drohkulisse ein, sondern beschere den Neonazis gleichzeitig einen Erfolg in einer Region, in der sie ohnehin kaum mit antifaschistischer Gegenwehr rechnen müssten. Dies könne den Rechten noch mehr Auftrieb einbringen. "Wenn jemand von Nazis bedroht wird, dann darf dieser jemand eben nicht mehr öffentlich in Erscheinung treten, auf dass die öffentliche Ruhe nicht durch lästige Übergriffe der einheimischen Landjugend gestört wird", steht es beispielsweise sarkastisch auf einer einschlägigen Internet-Seite. Solche Ruhe aber sei eine politische Friedhofsruhe, die demokratische Vielfalt und pluralistischen Alltag begraben sehe

Nordkurier-Demmin

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