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Veränderter Schick in brauner Szene
Neubrandenburg. Über den sich wandelnden Dresscode in der rechtsextremen Szene weg vom Bürgerschreck hin zum modebewussten Neonazi sprach Oliver Weiße mit Michael Weiss vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin.
02.12.2008
Den "klassischen" Skinhead mit Glatze, Springerstiefeln und Bomberjacke sieht man heutzutage seltener. Inwieweit hat sich der Dresscode von Neonazis in den vergangenen Jahren verändert?
Zunächst einmal muss man sagen, dass es nicht die eine Szene gibt. Es gibt verschiedene Szenen: Manche orientieren sich optisch an der Black-Metal-Szene, manche tragen Piercings und Piratentücher, andere neigen eher zum Rocker-Style. Dann gibt es die Traditionalisten mit Glatze und Bomberjacke. Und besonders in Ostdeutschland gibt es viele Jugendliche, die optisch nicht mehr ohne Weiteres zu einer jener Subkulturen gehören. Das sind ganz normale Typen von nebenan, die eine nationalistische Einstellung haben und eher Marken wie Thor Steinar tragen. Mit Letzterem wollen die Neonazis im Übrigen weg von ihrem Bürgerschreck-Image.
Wo liegen also die Gründe für den Dresscode-Wechsel?
Das Ganze folgt keiner Strategie. Es ist eine Entwicklung. Es ist bei der NPD eben kein Zugangskriterium, eine Glatze zu haben. Andererseits ist die Repression, die die Polizei zum Beispiel auf Demonstrationen ausübt, nicht unerheblich. Springerstiefel sind dabei nämlich verboten. Die Neonazis waren also gewissermaßen gezwungen, sich umzuziehen. Jetzt geben sie sich modern, sexy und rechtsextrem.
Zudem gibt es mittlerweile so etwas wie einen schwarzen Block bei Neonazi-Demos. Springen die Rechtsextremen bewusst auf einen Zug der Linksautonomen auf?
Ja. Es gibt Rechtsextreme, die sich mit Che-Guevara-T-Shirts und Palästinensertuch kleiden. Das passt prima zu ihrem Konzept des sogenannten Befreiungsnationalismus.
Marken wie Thor Steinar, Lonsdale und Consdaple werden von vielen Rechtsextremen getragen. Warum sind sie bei den Neonazis so beliebt?
Gerade die Marke Thor Steinar ist sehr erfolgreich, weil die Aufdrucke mit nordischer Symbolik, wie etwa bestimmten Runen, Raum zur entsprechenden Interpretation lassen. Darüber hinaus hat sie moderne Schnitte und eine offenbar gute Qualität. Man kann sich damit im modischen Mainstream bewegen und doch stets seine Zugehörigkeit zur Rechten ausdrücken. In Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs gelten manche solcher Marken bereits als normale Kleidung. Das ist längst keine rechte Subkultur mehr.
Stichwort Thor Steinar. Läden, die diese Marke führen, gab es zuletzt in diversen Städten. Die meisten mussten nach juristischen Auseinandersetzungen wieder schließen. Ist das die Lösung?
Ein Verbot der Marken halte ich für schwierig. Rechtlich ist ein Vorgehen nur möglich, wenn die Symbolik auf der Kleidung eindeutig gegen Gesetze verstößt. Im Fall von Thor Steinar hat das dazu geführt, dass eine Rune gegen eine andere vertauscht wurde, die eben nicht auf dem Index der Strafverfolgungsbehörden steht. Ich würde sagen, das ist ein "Idioten-Rennen". Im Zweifel suchen sich die Neonazis andere Marken, die ihre Codes transportieren. Das kann auch ein Fußballtrikot mit der Nummer 18 oder der 33 sein. Wichtig ist, dass man zum Ausdruck bringt, diese auf schick getrimmte Marke ist eindeutig rechtsextrem und keine normale Kleidung.
Fußballclubs wie Hansa Rostock, Hertha BSC Berlin oder der Hamburger Sportverein haben von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht und das Tragen von Thor- Steinar-Kleidung im Stadion verboten. Sollte so etwas auch zum Beispiel für Schulen gelten?
Natürlich können Schulen oder Fußballclubs sagen: "Das wollen wir hier nicht sehen." Sie müssen aber aufpassen, dass das nicht nur ein Feigenblatt ist. Das Problem muss eher an der politischen Wurzel gepackt werden. Mit den Trägern dieser Kleidung müssen zum Beispiel Lehrer und Pädagogen auch inhaltlich diskutieren. Sonst ist eine simple Verbannung wenig sinnvoll.
Was würden Sie empfehlen?
Grundsätzlich müsste der Staat mehr in die politische Bildung investieren. Demokratieschulungen für Jugendliche wären wichtig. Da versagt die Politik derzeit total. Ansonsten tritt man bei der Bekämpfung des Rechtsextremimus weiter auf der Stelle. Auch die Kommunen sind in der Pflicht. Gerade die Städte und Kreise fürchten Imageprobleme durch Neonazis, deshalb wird ein mögliches rechtes Problem häufig nicht offen diskutiert und höchstens bei Straftaten eingeschritten. Das gilt für Ost wie West.
Nordkurier
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