"Auch Tränen waren zu sehen"
30.10.2008
von Stefanie Peters
Ueckermünde. Schüler müssten das Grauen des Nationalsozialismus in aller Deutlichkeit spüren, damit sie sich vehement dafür stark machen, dass sich so etwas nicht wiederhole, darin ist sich Gundula Müller, Geschichtslehrerin des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums, mit ihren Kollegen einig. Wo könne man dieses Grauen eindringlicher nachvollziehen als in einem ehemaligen Konzentrationslager. So machten sich Schüler der zehnten Klassen und deren Geschichts- und Klassenlehrer auf den Weg zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Es sollte ein besonderer Projekttag werden, denn die Lehrer fungierten lediglich als Beobachter.
"Am Anfang waren die Mitarbeiter der Gedenkstätte etwas skeptisch, ob Zehnklässler in der Lage sind, ihre Mitschüler durch diesen Ort des Schreckens angemessen zu führen", erzählt die Konfliktmanagerin der Schule Sabine Kleditsch über die Anfänge. Gemeinsam mit zehn Freiwilligen reiste sie bereits eine Woche vorher nach Ravensbrück. "Das waren intensive und sehr emotionale Tage", sagt Anna- Luise Schubert aus Mönkebude. "Bei einem Fotospaziergang sollten wir zu Beginn besondere Eindrücke, die dieser Ort bei uns hinterließ, festhalten, um uns diesem Grauen auf unsere Art zu nähern", erklärt die Schülerin. "Das farbenfrohe Laub der Linden passte so gar nicht zu dem Thema, mit dem wir uns auseinander setzen."
In Zweiergruppen erarbeiteten die Schüler ihre Führungen durch das einstige Konzentrationslager aus verschiedenen Blickwinkeln. Das Leben der Kinder und Jugendlichen, Zwangsarbeit, Motivation und Vorgehensweise der Täter und auch Tagesabläufe wurden recherchiert, um den Mitschülern möglichst viele Informationen auf dem Weg durch den Ort des Gedenkens geben zu können. "Wir haben den ganzen Tag gelesen, Fotos ausgewertet und im Internet nach Fakten gesucht. Die Zeit verging so schnell, dass uns die Museumsmitarbeiter am Abend sogar rausschmeißen mussten", so die Schüler.
Sie hatten gute Arbeit geleistet, denn kaum ein Jugendlicher war nicht interessiert und ergriffen von den Ausführungen der Organisatoren. Bis zu drei Stunden führten sie ihre Mitschüler durch das ehemalige Konzentrationslager. Emotionaler Höhepunkt waren die Erzählungen von Halina Birenbaum. Die Polin, damals 15-jährig, entging nur durch Zufall dem Tod in der Gaskammer. Sie berichtete von den Grausamkeiten, die sie durchleben musste. "Es war mucksmäuschenstill im Raum, so ergriffen waren die meisten Gymnasiasten. Auch Tränen waren zu sehen", berichtet Gundula Müller von ihren Beobachtungen. So empfand es auch Philipp Amthor, der sich mit sehr persönlichen Worten an die Zeitzeugin wandte.
Im November werden sich die Projektteilnehmer erneut treffen und diesen Tag auswerten. "Es wird Gelegenheit geben, Eindrücke in Geschichten, Gedichten oder künstlerisch zu verarbeiten. Dieser Tag werde den Schülern wohl für immer im Gedächtnis bleiben, meint die Geschichtslehrerin Gundula Müller. Der Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ist ein Projekt des Landesprogramms "Vielfalt tut gut", das durch die Arbeiterwohlfahrt Torgelow unterstützt wurde.
Nordkurier-Ueckermünde
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