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Nazis hielten Stadt in Atem

Ohne größere Zwischenfälle gingen gestern ein Aufmarsch der NPD und Proteste gegen die Rechtsextremen über die Bühne.

04.10.2008

Stralsund. Gespenstische Szenerie auf dem Parkplatz vor der Videothek in der Arnold-Zweig-Straße. Demonstranten der rechtsextremen NPD haben sich in Hufeisenform aufgestellt, mittendrin steht der Bürgerschaftsabgeordnete Dirk Arendt. Der brüllt ins Megafon, wettert gegen Ausländer und "etablierten Schwachsinn".

Ob seine Ansprache vermeintliche Wähler in Knieper West erreicht, darf bezweifelt werden. Gestern um 14.40 Uhr regnet es in Strömen, die Straßen sind leer, nur wenige schauen von den Balkonen.

300 Anhänger der Partei, darunter die ebenfalls als Redner auftretenden Landtagsabgeordneten Michael Andrejewski und Udo Pastörs, halten die Stadt von 11 bis 18 Uhr in Atem. Sie marschieren vom Bahnhof zum Neubaugebiet, dann zurück bis zum Neuen Markt, wo eine weitere Kundgebung folgt.

Alles begleitet von einem Großeinsatz der Polizei. 350 Beamte bietet das Land auf, mit mindestens 50 weiteren ist die Bundespolizei im Bahnhofsbereich dabei, in der Luft kreisen drei Hubschrauber.

Ziel ist vor allem, ein Zusammentreffen mit dem zweiten Demo-Zug zu vermeiden. Der soll zeigen, dass Stralsund mit dem braunen Marsch nichts zu tun haben will. Bereits kurz nach 10 Uhr hat sich der vom linken Jugendverband Solid angemeldete und von einem Bündnis von SPD bis Gewerkschaften unterstützte Protestzug an der Brunnenaue in Bewegung gesetzt. Die Veranstalter sprechen hier von 250 Teilnehmern, die Polizei lediglich von 100.

Die Route verläuft ebenfalls bis Knieper West und zurück, endet aber überraschend bereits 12.30 Uhr an der Ecke Knieperdamm/Engels-Straße und nicht auf der Hafeninsel, wo 13 Uhr das von einem breiten Bündnis organisierte Demokratiefest beginnt.

Wo sich die Demo auflöst, wollen einige in Erwartung der nahenden Nazis nicht weichen, die Polizei spricht 44 Platzverweise aus und nimmt hier sowie zuvor in der Kedingshäger Straße vier Protestierer in Gewahrsam.

Noch komplizierter wird die Lage durch eine 60-köpfige Gruppe "nationaler Sozialisten" aus Rostock. Die schwarz vermummte und als gewaltbereit eingeschätzte Truppe marschiert in weitem Abstand hinter der NPD, fällt vor allem durch wüste Schmährufe gegen Israel auf, kehrt kurz vor der Kundgebung in Knieper West zum Bahnhof zurück.

Dort greift die Polizei zu, nimmt von allen die Personalien auf. Da die Veranstalter der großen Demo mit diesen Rostockern angeblich nichts zu tun haben wollten, spricht die Polizei von einer "nicht angekündigten Versammlung". Das allein wäre laut Pressesprecher Ingolf Dinse eine Ordnungswidrigkeit, zu klären sei die Strafbarkeit der Schmährufe.

Das Fest auf der Hafeninsel, wo auch Ernst Heilmann von Ver.di spricht, kommt wegen des Regens nicht recht in Schwung. Nur wenige harren bis zum Schluss aus. Eins eint die Teilnehmer mit vielen Stralsundern - die Wut über den Nazi-Marsch. "Ich kann das Verhalten der Stadt nicht verstehen, die das widerspruchslos zugelassen hat", sagt DGBChef Volker Schulz.

Kritik gibt an der besagten Gewahrsamnahme der vier Demonstranten, die nach Ansicht der Anwältinnen Sonja Steffen und Babette Wegener unverhältnismäßig war. Polizeisprecher Dinse ficht das nicht an. Er ist zufrieden. "Die Strategie der massiven Präsenz ist aufgegangen. Und es hat auf keiner Seite Verletzte gegeben."

Ostseezeitung-Stralsund

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