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"Volksgemeinschaftliche Abwehrreaktion"

Dramatisches Fußballspiel in Rostock am 26. September - auf den Rängen. Rostocker Fans randalierten gegen ihre Hamburger Gäste und sangen rechtsextremes Liedgut. Patrick Gensing vom npd-blog.info war mit im Stadion - und über das Ausmaß der Feindseligkeiten entsetzt. Hier seine Schilderung:

30.09.2008

Von Patrick Gensing, npd-blog.info

Der Begriff "Volksgemeinschaftliche Abwehrreaktion" war kürzlich bei einer Diskussion der Amadeu Antonio Stiftung über Rechtsextremismus in Brandenburg gefallen. Beim Besuch des Spiels Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli am 26. September 2008 schwirrte mir dieser Begriff durch den Kopf. Diese kollektive Aggressivität gegenüber "Gästen" aus Hamburg, die den Ruf haben, "etwas anders" zu sein - sprich links, alternativ oder einfach nicht dumpf: "Volksgemeinschaftliche Abwehrreaktion" trifft es.

Das bedeutet nicht, dass ich hiermit alle Hansa-Fans als Nazis bezeichnen. Nein, aber die meisten distanzieren sich nicht deutlich von ihnen - und peitschen sie noch an. Wenn sich jemand dann darüber beschwert, heißt es: "Das ist halt Fußball" oder "Die St. Pauli-Fans sind doch auch nicht besser." Ich bin schon mehrmals in Rostock angegriffen worden, kritische Worte der Hansa-Verantwortlichen waren nicht zu hören, geschweige denn vielleicht mal eine Entschuldigung, wie hier mit "Gästen" umgegangen wird.

Zu den Ereignissen in Rostock:

Der Sonderzug aus Hamburg mit etwa 1000 Fans traff etwa um 16:45 Uhr in Rostock ein, bereits am Bahnhof warteten Rostock-Fans, bzw. Neonazis, um die St. Paulianer gebührend zu empfangen - nämlich mit Wurfgeschossen. Diese Szene habe ich allerdings nicht selbst einsehen können, wurde mir aber von verschiedenen Leuten unabhängig voneinander beschrieben, die Presse berichtet von etwa 50 Angreifern.

Der Weg zum Stadion war relativ ruhig, offenbar hatte die Polizei den Weg abgesperrt. Vor dem Stadien spielte sich dann erstaunliches ab. Dort sollte es eine "Schutzzone" für auswärtige Fans geben. Diese gestaltete sich so, dass auf einer Seite eines etwa zwei bis drei Meter hohen Zauns die St. Pauli-Fans standen, dazwischen behelmte Polizei. Auf der anderen Seite pöbelten etwa 50 bis 100 Rostocker über und durch den Zaun, Polizei war dort nicht zu sehen. Daher nutzten die Rostocker die Gelegenheit und schmissen was das Zeug hielt mit Flaschen und Steinen, mehrere Verletzte waren die Folge. (Siehe Foto und Bericht einer Bild-Reporterin.) Das ging geschätzt 15 bis 20 Minuten so. Ich fragte einen Polizisten, warum sie nicht eingreifen würden. Das wusste er nicht, die Polizisten vor Ort sprachen von einer "unglaublichen Lage". Zudem hieß es, die Polizei habe angeblich keinen Schlüssel für das Tor, um durch den Zaun zu gelangen. Die St. Pauli-Fans feuerten unterdessen Gegenstände zurück, was teilweise Pfefferspray-Einsatz der Polizei nach sich zog. Schließlich kam dann doch noch Polizei: Offenbar durch die angrenzende Eishalle erreichte ein Trupp die Angreifer. Von Festnahmen war nichts zu sehen.

Die Situation hatte sich auch dadurch verschärft, dass sich die Eingangskontrollen am Gästeblock sehr lange hinzogen, sogar Tabakbeutel und Geldbörsen wurden kontrolliert, Taschen mussten abgegeben werden. Obwohl der Weg vom Bahnhof nicht weit war, kamen viele Fans erst gerade so zum Anpfiff in den Block, der durch Plexiglassscheiben vom restlichen Stadion abgegrenzt wurde.

"Deutsche wehrt Euch, geht nicht zu St. Pauli!"

Im Stadion war die Stimmung äußerst aggressiv. Ich habe schon fast alle Bundesliga-Stadien besucht, aber so ein feindseliges Verhalten praktisch des gesamten Publikums ist mir sonst nirgendwo untergekommen. Wechselgesänge durchs ganze Stadion "Scheiß St. Pauli!" oder auch "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli, hey, hey!" waren hier die Höhepunkte der Stimmung. Dazu Gesänge über "schwule Hamburger", der alte Gassenhauer "Ihr seid Hamburger, asoziale Hamburger..." wurde reaktiviert (falls er hier jemals eingemottet worden war). (Hier ein Audiomitschnitt, der einen Eindruck gibt, das "schwule Hamburger" wird laut beklatscht.)

Flankiert wurde das Ganze durch Nazis, die rechts und links von unserem Block standen. Während auf der einen Seite nur einige wenige Halbwüchsige damit beschäftigt waren, durch das Zeigen von Schals (auch wieder gesehen: "Deutsche wehrt Euch, geht nicht zu St. Pauli!") und Pöbeleien zu provozieren, war auf der anderen Seite des Blocks schon eine größere Zahl von rechten Hools aufgelaufen. Diese plauschten mit den Ordern, die einen Puffer zum Gästeblock freihielten. Im Prinzip waren diese Typen ansonsten 90 Minuten lang mit nichts anderes beschäftigt, als in Richtung St. Pauli-Fans zu pöbeln und per Handzeichen Schläge anzudrohen.

Nach dem Spiel - Hansa hatte 3:0 gewonnen - "durchbrachen" dann einige Dutzend Hansa-Hools die Ordnersperre, offenbar ohne größere Probleme. Nun wurde an der Plexiglassscheibe mit Gürteln auf die St. Pauli-Fans geschlagen, die sich kräftig dagegen wehrten, damit ihr Block nicht gestürmt wird (Fotos beim Kölner Express). Mehrere Verletzte wurden aus dem Block gebracht, unter anderem stark blutend durch die Schläge mit den Gürteln. An der Wurstbude des Gästeblocks pöbelten und schmissen Hansa-Fans von einem Oberrang, ein Rollgitter versuchten sie aufzubrechen, um in den St. Pauli-Block zu gelangen. Draußen formierte sich der Mob, durchgehend "Scheiß St. Pauli"-Gebrülle, provozierende Gesten, Hitler-Grüße. Polizei war nach etwa 15 bis 20 Minuten zu sehen.

"Hey, wir haben doch gewonnen!"

Der Stadionsprecher hatte zwischenzeitlich versucht, die Hansa-Fans etwas zu beruhigen, als sie zum Angriff auf den Gäste-Block übergingen, kam eine Durchsage wie: "Hey, was soll denn das, wir haben doch gewonnen!" Übrigens bepöbelten die rechten Hools nach dem Schlusspfiff auch noch die St. Pauli-Spieler, vor allem Morike Sako - sicherlich nicht wegen seiner Körpergröße. Sako schimpfte zurück und wurde von Mitspielern zurückgezogen, dabei wurde ein St. Pauli-Spieler laut Presseberichten noch von einem Feuerzeug am Kopf getroffen. Während des Spiels mussten jeweils zwei Orderinnen die St. Pauli-Spieler bei Eckbällen mit Regenschirmen vor Wurfgeschossen schützen. Im Stadion wurden divese Leute mit Thor-Steinar-Klamotten gesichtet, das angebliche Verbot ist also tatsächlich eine Farce.

Nach dem Spiel konnten die St. Pauli-Fans flankiert von Wasserwerfern dann zum Bahnhof Parkstraße zurückgehen. Offenbar versuchten aber Rostocker Fans, Hools, Nazis oder einfach alle zusammen, die Absperrungen zu durchbrechen. Auf der anderen Seite des Bahnhofs beleuchteten bei der Ankunft Leuchtspurmunition den nächtlichen Himmel über Rostock. War fast noch das Hübscheste an diesem Abend.

Es ist nichts ungewöhnliches, dass Neonazis beim Fußball auftauchen, das ist nicht schön, kommt aber des Öfteren vor. Auch das es Schlägereien gibt, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Dagegen kann man aber etwas tun. Das Erschreckende in Rostock ist das (Nicht-)Verhalten der Masse der Zuschauer gegenüber Nazis und Schlägern, nicht einmal gab es Unmutsbekudungen über die aggressiven Pöbeleien. Aus unser Sicht waren die rechten Hools die Speerspitze und Vollsrecker des Hansa-Willens: "Scheiß St. Pauli!". Und so wehrten sich die Deutschen und versuchten, ihre ungeliebten "Gäste" zu beleidigen, zu verletzen und wieder nach Hause zu schicken.

Vielleicht irre ich mich, aber ob die Hansa-Verantwortlichen endlich einmal ihr rechtes Fanpotenzial thematisieren, ob sie die Feindseligkeit gegenüber Gästen ansprechen, ob sie die Gründe für den teilweise unzureichenden Schutz ihrer Gäste vor Angriffen aufgreifen, all das bleibt sehr fraglich. Die Augen zu verschließen vor diesen Problemen und diesen Leuten noch gegen den gemeinsamen Feind beizustehen - das hat Züge einer "volksgemeinschaftlichen Abwehrreaktion". Strafen bringen hier leider keine Einsicht, denn dadurch fühlen sich diese Leute dann wieder als Opfer. Obwohl Hansa davon noch profitiert hatte: So wie 1992, als es zu schwersten Angriffen auf St. Pauli-Fans in Rostock kam, der DFB verurteilte Hansa zu seiner Platzssperre, das nächste Heimspiel wurde ins Berliner Olympiastadion verlegt. Mehr als 50.000 Zuschauer brachten Hansa eine Rekordeinnahme.

mut gegen rechte gewalt

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