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15-Jähriger musste 42 Wochenstunden schuften
In der Zeit des Zweiten Weltkrieges gab es auch in Güstrow eine große Zahl von Kriegsgefangenen, die teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten mussten. Das betraf vor allem Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten Polens, der Sowjetunion mit Ukraine und anderen Ländern.
02.08.2008
von Ulrich Schirow
GÜSTROW - Aufschlüsse über Zwangsarbeiter gibt der "Güstrower Anzeiger" aus der Zeit. "Einsatz von polnischen Kriegsgefangenen zunächst nur in der Landwirtschaft", heißt es dort 1939, doch schon vier Tage später: "Einsatz auch in der Industrie."
1941 ist zu lesen: "Es kommt immer wieder vor, dass deutsches Geld bei Kriegsgefangenen gefunden wird. Geldzuwendungen an Gefangene sind streng verboten." Und einige Monate später: "Die Bevölkerung wird gewarnt vor sabotierenden und flüchtigen Kriegsgefangenen besonders aus dem Osten."
Polnische Zwangsarbeiter mussten auf ihrer Kleidung ein P tragen und um 20 Uhr im Quartier sein. Dazu gab es regelmäßige Kontrollen. Bei Verstößen gab es empfindliche Geldstrafen. Nachts herrschte Ausgangsverbot. Es gab zudem keine Besuchserlaubnisse für kulturelle, kirchliche und andere gesellschaftliche Veranstaltungen. Auch der Besuch von Gaststätten war verboten. 1944 wurde die elfstündige Arbeitszeit in der Landwirtschaft eingeführt. Die Mehrarbeit wurde den Ostarbeitern und Gefangenen nicht bezahlt.
Im Güstrower Stadtarchiv gibt es einige Dokumente, die Rückschlüsse auf vorhandene Lager und auf die damalige Situation der Gefangenen und Fremdarbeiter ermöglichen. Ein ausgewähltes Beispiel: "Runderlass des RMdI v. 2.7.1942. Bereitstellung von Be- und Entladekolonnen bei der Güstrower Reichsbahn durch den verstärkten Einsatz russ. Kriegsgefangener. Für deren Unterbringung und Verpflegung sind die Landräte und Bürgermeister zuständig. Für jeden Gefangenen sind pro Tag 2,30 RM abzüglich 1 RM für Unterkunft und Verpflegung zu zahlen. Der Betrieb hat für jeden Gefangenen pro A.-Std. einen Betrag von 0,60 RM zu zahlen.(Reichsverkehrsminister Nr. 14718/42111)." Abzüglich aller Kosten erhielt das Stammlager pro Tag für jeden arbeitenden Gefangenen einen Betrag von 1,33 RM. Die Wachmannschaften des Güstrower Wachbataillons erhielten pro Tag drei RM.
Sehr viele Betriebe belieferten die Lager in und um Güstrow; dokumentiert im Wareneingangsbuch der Küchenverwaltung der Ostarbeiter: Schlachter: Kuhse,Wolff, Janenz; Molkerei: Steinhäuser; Gemüse: Tack, Sagert; Bäckerei: Agatz, Stock; Kolonialwaren: Dohse, Engel, Martens; Kohlen: Haakert; Drogerie: Hoffmeister; Fische: Abel.
Im Güstrower Archiv existieren auch Wochenlisten vom August 1942 bis April 1945 über Arbeitsleistungen der Ostarbeiter. Ein Beispiel: "W. Markerow, geb 1927 (war 1942 15 Jahre alt) in Tamkow(?), Lager Hollstr. 29, Do.; 8 Std. bei Fma. Hackert, Fr.: 5,5 Std. Stadtbauhof, Sa.: Ruhe, So.: 4.5 Std. Fma. Bruchhäuser, Mo.: 8 Std. Stadtbauhof, Di.: 8 Std. Stadtbauhof, Mi.: 8 Std Stadtbauhof." Das waren 42 Wochenstunden harte körperliche Arbeit für einen 15-jährigen Jungen.
Nach bisherigen Recherchen existierten in und um Güstrow folgende Lager und Unterkünfte für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter: Hollstraße 29: vom September 1942 bis Oktober 1943, danach in Baracken in der Speicherstraße. Das Haus gehörte bis zur Konfiszierung dem jüdischen Kaufmann Zilker. Es war Unterkunft für männliche Ostarbeiter. Parumer Straße: Zeitweilige Unterkunft für 15 russische Kriegsgefangene, die im Werk von Tongel in der Eisenbahnstraße arbeiteten. Ostarbeiterlager in der Danziger Straße, heute Demmlerstraße, Ostarbeiterlager im Heidberg, Lager für Ostarbeiterinnen in der Mühle in der Rostocker Chaussee. Auch in Lalendorf gab es ein Ostarbeiterlager.
Nach Recherchen des Fördervereins Region Güstrow gab es weitere Lager: Barackenlager für französische Gefangene im Heereszeugamt-Primerburg sowie ein Lager für sowjetische Zwangsarbeiterinnen. Dort war auch die spätere Schriftstellerin Ruth Kraft untergebracht. Zum Kriegsende lebten dort etwa 100 "Russenmädchen" im Alter von zwölf bis 24 Jahren.
Das Schicksal vieler Gefangener und Zwangsarbeiter ist bis heute ungeklärt und sollte uns ständige Mahnung sein. Es ist auch unsere Pflicht, an der Aufarbeitung mit zu tun.
Schweriner Volkszeitung-Güstrow
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