Stolpersteine lassen Einzelschicksale erahnen
Die ersten voraus- sichtlich neun Stol- persteine werden am 15. Juli in Wismar verlegt. Die Akteure stellten das Projekt im Zeughaus vor.
11.05.2008
Wismar. Senator Thomas Beyer verteidigte die Bezeichnung des 8. Mai als "Tag der Befreiung", als er im Rahmen einer Gedenkstunde im Zeughaus die Bedeutung des Erinnerns unterstrich. Am 8. Mai 1945 wurde der Zweite Weltkrieg beendet, "der so unendlich viel Leid und Tod über die Welt brachte", so Beyer. Und auch wenn sich "für viele von uns eine weitere Diktatur anschloss" und auch das Nazi-Gedankengut immer noch in einigen Köpfen vorherrsche, sei der Massenmord beendet worden.
Der Mord an Massen von Menschen, denen die Aktion "Stolpersteine" wieder ihre Individualität zurückgeben möchte. Menschen, die von den Nationalsozialisten getötet wurden, weil sie beispielsweise behindert waren oder einem nicht genehmen Glauben hatten. Geschichtslehrer Frank Reichelt durchforstet mit 15 Schülern des Gerhart-Hauptmann-Gymnasiums (GHG) schon seit geraumer Zeit Archive, Datenbanken, Urkunden und viele andere Quellen, um die Schicksale von Wismarern nachzeichnen zu können, die von den Nazis umgebracht wurden. Vor dem Haus, in dem diese Menschen zuletzt freiwillig wohnten, soll jeweils ein Stolperstein in den Boden eingelassen werden - "eine leuchtende Messingplatte auf einem zehn mal zehn Zentimeter großen Stein, der uns gedanklich stolpern lässt", beschrieb Reichelt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, von dem die Idee stammt und der inzwischen in über 300 Orten mehr als 12 000 Steine verlegt hat, wird am 15. Juli ab circa 10 Uhr die ersten voraussichtlich neun Stolpersteine in Wismar verlegen. Gerhard Raabe überreichte Reichelt am Donnerstag in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung einen Scheck, sodass zwei weitere Stolpersteine angeschafft werden können. Als Chef der Sparkasse Mecklenburg-Nordwest übergab er einen Scheck über einen Betrag, der für weitere vier Steine reicht.
Schüler aus der Projektgruppe zeichneten das Schicksal von Heinrich Brechling nach, der von den Nazis als Bürgermeister aus dem Amt vertrieben wurde, in das er demokratisch hineingewählt worden war. Sie sprachen über Heinrich Woest, der als Zeuge Jehovas im KZ Sachsenhausen starb. Über den Kriegsinvaliden Johann Frehse sowie über die Euthanasieopfer Günter N. und Walter M., die von den Nazis getötet wurden.
Die ersten neun Stolpersteine erinnern an folgende Wismarer:
Gertrud Bernhard (zuletzt wohnhaft Am Schilde 4, gestorben in Ausschwitz), Johann Frehse (Kanalstraße 8, gest. in Dachau), Karl Glöde (Krönkenhagen 26, gest. in Neuengamme), Bertha Heinsius (Poeler Straße 59, gest. in Bernburg), Dr. Leopold Liebenthal (Altwismarstraße 10, gest. in Wismar), Walter Mantow, (Krönkenhagen 20, gest. in Bernburg), Günter Nevermann (Poeler Straße 102, gest. in Sachsenberg), Ernst Scheel (Böttcherstraße 4, gest. in Dachau) und Heinrich Woest (Georgenkirchhof 13, gest. in Sachenhausen).
Ostseezeitung-Wismar
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