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Schockiert über Nazi-Ärzte
09.04.2008
Stralsund Im Namen der Medizin wurden auch in Stralsund Verbrechen am Menschen begangen. Eine Ausstellung zeigt sie auf. Es scheint schwierig, die richtigen Worte zu finden. "Beeindruckend und interessant, ja, aber auch gleichzeitig schockierend und unvorstellbar", empfindet Romy Bischoff die Ausstellung "erlebt-verdrängt-erinnert" in der Beruflichen Schule der Hansestadt, Bereich Sozialwesen, im ehemaligen Herder-Gymnasium, die noch bis Freitag zu sehen sein wird. Auf etwa 30 Schautafeln wird der Missbrauch der Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus, besonders in unserer Region, thematisiert. Dass die braune, menschenverachtende Ideologie auch vor dem sonst eher verschlafenen Mecklenburg-Vorpommern nicht Halt machte, ist bekannte Tatsache. Dass viele Menschen den Rassen- und Euthanasiegesetzen auch in unserem heutigen Bundesland und unserer Stadt zum Opfer fielen - damit setzt sich Erwin Walraph seit 1983 auseinander. Er initiierte und finanzierte die Ausstellung. Im langen Prozess der Aufarbeitung befragte Walraph Zeitzeugen, sichtete und stellte Material zusammen und geriet immer wieder an den Punkt, dass er verblüfft und schockiert war, wie Akademiker eine so perverse Ideologie vollstrecken konnten.
In der Provinzial-Heilanstalt Stralsund, dem heutigen Klinikum West, wurden in der Zeit von 1933 bis 1939 652 Zwangssterilisationen vorgenommen. Die meisten dieser Menschen stammten aus Vorpommern, der jüngste Patient war erst 13, die jüngste Patientin 14 Jahre alt. Zwar wurde den meisten der Patienten attestiert, sie seien geisteskrank, doch unter den Sterilisierten befanden sich auch Alkoholiker, Blinde oder Taubstumme.
Derzeit erfährt der Besucher etwas zum Thema der Euthanasie aus dem Zeitraum 1933 bis 1939. "Unser Ziel ist es jedoch, die Entstehungsgeschichte von der Antike bis zum Nationalsozialismus noch mit in die Ausstellung einzuarbeiten", erklärt Walraph. Intention sei es auch, darüber nachzudenken, wie heute mit dieser Frage umgegangen wird. "Dazu fallen mir auch Stichworte wie Sterbehilfe ein", so Walraph.
In den nächsten Tagen werden 600 Schüler die Exposition besuchen. Doch es sollen noch viel mehr Menschen erreicht werden. "Wir werden das auf jeden Fall weiter empfehlen", so die 17-jährige Fachgymnasiastin Romy. Und Felix Beske ergänzt: "Das Thema ist sehr interessant, und es steckt unglaublich viel Arbeit in dieser Ausstellung."
Info: Institutionen, die Interesse an dieser Ausstellung haben, können sich mit Erwin Walraph in Verbindung setzen - unter 0395 / 4 22 53 06 oder per Mail dr.erwin.walraph@arcor.de
MIRIAM WEBER
Ostseezeitung-Stralsund
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