"Die haben noch gar nicht begriffen, was hier läuft"
04.04.2008
Von Andreas Segeth
Anklam. Wolfgang Bordel war gar nicht da. Trotzdem beherrschte ein Satz des Anklamer Theater-Intendanten den ganzen Mittwochabend: "Wir machen hier nichts gegen rechts, wir machen etwas für das Leben. Aber wenn man etwas für das Leben macht, dann macht man etwas gegen rechts."
Bordel sagte ihn im Film der Regisseurin Eilika Meinert "Da ist man lieber still - Am rechten Rand der Republik", der über schleichenden und offenen Neofaschismus in Ostvorpommern berichtet, aber auch engagierte Menschen aus der Region zeigt, die sich den neuen Nazis entgegenstellen - in offener Konfrontation, aber auch mit Mitteln der Kultur oder des Sports.
Der Dokumentarfilm des NDR wurde am Mittwochabend im Anklamer Friedenszentrum gezeigt, danach hatten die Landeszentrale für politische Bildung sowie der Verein "Demokratisches Ostvorpommern" zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die Regisseurin war erkrankt, auf der Bühne hatten Landrätin Barbara Syrbe (Die Linke), der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Jochen Schmidt, die taz-Journalistin Astrid Geisler sowie der Politikwissenschaftler und Journalist Benjamin Fischer Platz genommen.
Eigentlich sollte es hier unter dem Motto "Störmelder oder Störfaktor" um die Berichterstattung der Medien über Rechtsextremismus gehen, doch schnell zeigte sich während der knapp dreistündigen Veranstaltung, dass die 150 Besucher das Bedürfnis hatten, sich über das Thema Neofaschismus an sich auszutauschen. Jochen Schmidt ging anfangs auf einen Grundfehler in den Wendejahren ein: Damals habe man gedacht, dass "mit der Installierung demokratischer Institutionen bereits alles getan sei". Dabei habe man die Menschen in der DDR zu wenig mitgenommen auf dem Weg in die Demokratie.
Zu den Diskutanten im Publikum zählten nicht nur Protagonisten des Films wie Philip Graffam aus Lassan oder Ulrich Höckner aus Bargischow, sondern auch Kommunalpolitiker aus Anklam wie der amtierende Bürgermeister Detlef Butzke und SPD-Fraktionschef Uwe Schultz sowie Umland-Bürgermeister wie Burkhard Wank (Krien) und Norbert Mielke (Postlow). Gerade letzterer hat in der Woche nach der Landtagswahl zu spüren bekommen, was es heißt, vom überregionalen Medieninteresse überrollt zu werden, war doch auf 55 der 144 in Postlow abgegebenen Wahlzettel die NPD angekreuzt - 38 Prozent. Mielke forderte, den Film auch im Landtag sowie im Bundestag zu zeigen: "Die haben doch noch gar nicht begriffen, was hier passiert", meinte er. Wank (Linke) indes machte sich dafür stark, dass Bund und Land das Geld nachhaltiger einsetzen. Kurzzeit-Projekte mit bis zu zwei Jahren Dauer könnten nur wenig bewirken, sagte er. Der Kriener Sportverein indes betreibe für 150 Mitglieder auch Prävention - und das seit
seiner Gründung im Jahr 1949.
Die Debatte über die Medien spaltete sich in zwei Lager. Die einen, die mehr Aufklärung und mehr Raum für die Auseinandersetzung mit NPD & Co. forderten und die anderen, die davor warnten, die Themensetzung, etwa bei der Landtags-Berichterstattung, von Rechtsextremen bestimmen zu lassen. "Die NPD darf den Takt nicht vorgeben", sagte Carola Fritz, Leiterin des Greifswalder NDR-Studios. Einig war man sich nur in dem Punkt, dass man über die Aufklärung in klassischen Medien wie Tageszeitung oder TV-Sendungen wie das "Nordmagazin" jugendliche Neonazis ohnehin nicht erreiche.
Deshalb komme Schulen und Berufsschulen hier eine immens wichtige Rolle zu. Noch bedeutender sei allerdings die tägliche Vorbildhaltung der Erwachsenen, vor allem aber der Eltern, betonte Pastor Christoph Poldrack aus Anklam: "Wir müssen uns mehr um unsere Kinder kümmern, dann erreichen die Nazis sie auch nicht mit ihren Parolen.".
Ulrich Höckner wollte trotz aller Forderungen nach dem Engagement des Einzelnen am Ende der Diskussion die demokratischen Parteien nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Natürlich fehle Geld für die Jugendarbeit, die NPD habe indes auch nicht viel Geld, "aber die glauben daran", zitierte er aus dem Film. "Ich wünsche mir, dass die Parteien sich mehr einbringen und von dem berichten, woran sie glauben", sagte er.
Nordkurier-Anklam
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