Bützow kämpft um seinen Ruf
Imbissbesitzer Saqib Mahmood hatte Todesangst, trotzdem will er in der mecklenburgischen Stadt bleiben.
29.02.2008
Von Hanna-Lotte Mikuteit
Bützow - Er ist zurückgekommen. Zwei Monate war Saqib Mahmood (33) nach dem Überfall bei seiner Familie in Pakistan, mit Ehefrau Ramona (32) und Tochter Sarah (5). "Ich dachte erst, wir müssen weg aus Bützow." Er sagt das so, als ginge es um einen Anflug von Reiselust und nicht um die Flucht vor einem Mob. Glatzen, Stiefel, T-Shirts mit Waffen-SS-Aufdruck - und die Drohung: "Scheiß Türke, wir holen dich."
Die Nacht der Angst. Ein halbes Jahr ist das her. Saqid Mahmood sitzt neben seiner Frau auf dem hellen Wohnzimmersofa unter Bildern, wie man sie im Möbelhaus bekommt, und einer Ansicht von Mekka. "Ich habe dann gedacht, warum soll ich vor denen abhauen", sagt er. "Woanders neu anzufangen ist nicht einfach." Und außerdem: Er kenne die ja. "Die meisten sind keine echten Nazis." Sechs von ihnen müssen sich derzeit vor dem Amtsgericht in Güstrow wegen schweren Landesfriedensbruchs und Körperverletzung verantworten. Sechs von etwa 50 Randalierern, die schwer betrunken während der Gänsemarkttage in der Nacht vom 24. zum 25. August 2007 den Festplatz verwüstet, Mahmoods Imbiss zerstört, ihn und seine Familie bedroht und einen türkischen Schausteller verfolgt und mit einer Eisenstange verletzt hatten. Dass gerade sie auf der Anklagebank sitzen, liegt an einem Handy-Video, auf dem der Überfall zu sehen ist. Die Aufnahme kursierte in der Szene, wurde Saqib zugespielt. Der sie zur Polizei trug - trotz der unverhohlenen Drohungen von Tatbeteiligten. Am Montag soll das Urteil gesprochen werden.
Staatsanwältin Maureen Wiechmann hat Geldbußen, Sozialstunden und Bewährungsstrafen für die Männer zwischen 17 und 24 Jahren gefordert. Nur einer soll für mehr als drei Jahre ins Gefängnis. Der 24-Jährige ist vorbestraft, sitzt wegen einer anderen Tat in Untersuchungshaft. Die Staatsanwältin folgt damit weitgehend den Ermittlungen, die keinen ausländerfeindlichen Hintergrund sehen.
"Nur weil auch Deutsche betroffen waren, sollen die Angriffe nicht ausländerfeindlich gewesen sein", sagt Kathrin Oxen (35) und schüttelt den Kopf. Kurz nach den Ausschreitungen, die Bützow bundesweit negative Schlagzeilen bescherten, hatte die couragierte Pastorin gemeinsam mit anderen in einem offenen Brief die aus ihrer Sicht rechtsextremistisch motivierte Tat angeprangert. "Am verheerendsten war der Eindruck, dass wir dem nichts entgegenzusetzen hatten", begründet die stellvertretende Bürgermeisterin Gabriele Behning (50, parteilos) den Schritt. Nicht wegducken, sondern aufrütteln - gegen den Ermittlungsstand der Polizei und deren Versuche, die eigenen taktischen Fehler zu vertuschen.
"Bützow ist seit Jahren Schauplatz für rechte Randale", sagt auch Karl-Georg Ohse vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in Ludwigslust. An den Ausschreitungen seien "gestandene Skinheads" beteiligt gewesen. Aber, und das sei das Besondere, "jetzt brennt es den Menschen unter den Nägeln". Bützow hat angefangen sich zu wehren. Leise, aber beharrlich. "Wir haben ein Problem mit Rechtsextremismus", sagt Vize-Bürgermeisterin Behning, "und wir haben vor dem Überfall nicht genug dagegen unternommen." Aber wie bekämpft man Fremdenfeindlichkeit, wenn gar keine Ausländer da sind? Gerade 27 gibt es in der 8000-Einwohner-Stadt.
Inzwischen ist das Bützower Bündnis für Demokratie und Toleranz gegründet. Mit schickem Flyer und Informationsangeboten, gefördert vom Anti-Rechts-Bundesprogramm "Vielfalt tut gut". "Wir wollen sensibilisieren, wider einer stillen Akzeptanz wirken", sagt Koordinatorin Kathrin Oxen. Der örtliche Sportverein hat seine Mitglieder eine Verpflichtungserklärung gegen Gewalt und Rassismus unterschreiben lassen. Ein Punkt: das Verbot von rechten Symbolen und Bekleidung beim Training und bei Wettkämpfen. Wichtig ist auch, dass die Polizei sich klar positioniert hat. Nachdem die Beamten in der Krawallnacht trotz zahlreicher Anrufe viel zu spät gekommen waren, besorgte Bürger wegen "Belästigung" hatten belangen wollen, wurde der Revierleiter zwangsversetzt. Er arbeitet jetzt als Sachbearbeiter bei der Verkehrspolizei. Der Dienstgruppenführer schiebt in Güstrow beim Streifendienst Schichten. "Der neue Chef ist zu den Tätern nach Hause gegangen und hat mit den Eltern geredet", weiß Pfarrerin Oxen. "Die merkten, es gibt Gegenwind."
Saqib Mahmood will bleiben. Obwohl sie ihm schon dreimal die Scheiben eingeschlagen haben, obwohl er in jener Nacht Todesangst hatte und obwohl er schon lange nicht mehr im Dunkeln auf die Straße geht - auch nicht mit seiner deutschen Frau. "Da sind die, denen man lieber nicht begegnen will."
Hamburger Abendblatt
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