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Die wirkliche Geschichte wirklicher Menschen

Der Freundeskreis ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Güstrow hatte jüngst Alexej Heistver zu Gast. Seinen Bericht zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz hatte er so überschrieben: "Geraubte Kindheit: das Schicksal der minderjährigen Opfer des Holocausts".

30.01.2008

von Richard Scherer

Alexei Heistver gründete vor knapp zwei Jahren mit anderen Überlebenden den Verein "Phoenix aus der Asche". Die Mitglieder haben Getto und KZ als Kinder und Jugendliche erlebt. Das Ziel des Vereins beschreibt Heistver so: "Wir wollen, dass niemand wieder die nächste Generation auf den falschen Weg bringen darf. Wir sammeln die Erinnerungen der Leute, die die Hölle des Holocausts durchgemacht und überlebt haben, um ihre Worte den heutigen Jugendlichen zu übergeben." Über 70 Erfahrungsberichte hat der Verein gesammelt. Sie bildeten die Grundlage des Vortrags, den Alexei Heistver auf der Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes in Güstrow hielt.

In eroberten Sowjetgebieten überlebte nur ein ProzentDrei dieser Berichte stellte Heistver vor. Sie erzählen von Schicksalen in verschiedenen Teilen des weiten von der deutschen Wehrmacht eroberten Gebietes. Und doch geht es in ihnen allen immer nur um die Ermordung von Menschen. Menschen, die wegen ihres Glaubens getötet, vergewaltigt, missbraucht wurden. Es sind die Berichte von Kindern, die zusehen mussten, wie ihre Eltern, Geschwister und Verwandten getötet wurden. Der große Tod. Von den drei Millionen Juden, die in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten der Sowjetunion lebten, hat nur etwa ein Prozent überlebt.

Alexei Heistver spricht leise, unpathetisch. Seine Schilderungen sind nüchtern, detailgenau und präzise. Er ist promovierter Historiker, der lange an der Akademie der Wissenschaften in Moldawien gearbeitet hat. Heistver meidet den erhobenen Zeigefinger, den bloßen moralischen Appell. Der wäre, sagt er, abstrakt. Er will konkret sein, die wirklichen Geschichten wirklicher Menschen erzählen, damit wir Lehren ziehen können für Gegenwart und Zukunft. Dazu gehört auch die Frage der Schuld. Nein, sagt er, keiner der heute Lebenden trägt eine persönliche Schuld, und er zitiert, was eine Schülerin in das Besucherbuch des "Hauses der Wannsee-Konferenz" geschrieben hatte: "Wir können nichts für unsere unmenschlichen Vorfahren, aber wir können was dafür, wie wir in Zukunft mit anderen Menschen leben wollen."

Kinder für medizinische Experimente missbrauchtDer letzte Bericht, den Alexei Heistver vorstellt, ist sein eigener. Geboren 1941 im KZ in Kaunas - die Eintragung verzeichnet weder Tag noch Monat - kam er nach der Ermordung seiner Eltern in den Kinderblock im KZ. Dass die Kinder des Blocks nicht ebenfalls umgebracht wurden, hatte einen Grund: Die deutschen Ärzte missbrauchten sie für medizinische Experimente. Sie testeten, wie Kinder verschiedenen Alters auf Infektionen, Amputationen und Medikamente reagieren. Nur sieben der Kinder erlebten die Befreiung von Kaunus im Frühsommer 1944 durch die Rote Armee. Heistver selbst wurde das Gaumenzäpfchen entfernt. Er konnte lange Zeit nicht sprechen. Noch heute benötigt er ein Mikrophon, um sich dem Auditorium hörbar zu machen.

Die Diskussion nach dem Vortrag drehte sich rasch um die gegenwärtige Situation. Die Sorge darüber war schon in den einleitende Worten von Folker Hachtmann, dem Vorsitzenden des "Freundeskreises ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Güstrow", und im Grußwort des Bürgermeisters, Arne Schult, angeklungen. Die Zunahme rechter Tendenzen, die Verbreitung rassistischer und antisemitischer Klischees, so der Eindruck der mehr als 80 Anwesenden, zeigen, dass die Erinnerungen, die Alexei Heistver sammelt, notwendige Erinnerungen sind.

Schweriner Volkszeitung-Güstrow

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