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Vergessen komplettiert das Vernichten

28.01.2008

Stralsund. Psychiatrie-Patienten aus Stralsund waren mit die ersten Opfer nach Hitlers Geheimerlass zur "Vernichtung lebensunwerten Lebens". Auf Eigeninitiative und ohne Weisung befahl der damalige pommersche Gauleiter Franz Schwede-Coburg im November 1939, schon einen Monat nach Hitlers Erlass, die Provinzial-, Heil- und Pflegeanstalt Stralsund für die weitere Nutzung als SS-Kaserne zu räumen. 1286 Patienten sind daraufhin abtransportiert und in Wäldern in der Nähe von Piasnicz von der SS erschossen worden.

Aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus veranstalteten mehrere Psychiatrie-Landesverbände aus MV gestern eine Gedenkveranstaltung im Stralsunder Rathaus. Im Mittelpunkt stand die Erinnerung an die Euthanasie-Opfer. Dazu fand auch eine Kranzniederlegung an der 1999 errichteten Gedenk-Stele auf dem Gelände des Krankenhauses West statt.

Eine Ausstellung und Vorträge informierten über das NS-Vernichtungsprogramm gegen psychisch Kranke, Behinderte und Pflegebedürftige - etwa 200 000 Erwachsene und Kinder zwischen 1939 und 1945 -, so genannte Patientenmorde. Prof. Klaus Dörner aus Hamburg analysierte den Stand der Aufarbeitung, mit der in beiden Teilen Deutschlands sehr spät begonnen wurde. Prof. Dr. Harald Freyberger, Chef der Klinik für Psychiatrie der Universität Greifswald am Hanse-Klinikum, informierte über die Organisation der Euthanasie in MV und seine Anwendung in Stralsund.

"Es wurde nicht selektiert, sondern global vernichtet. Kein Patient hat überlebt", betonte Freyberger. Später entwickelte die SS perfide Tötungstechniken für die Durchsetzung ihres geisteskranken Genozidgedankens. Auf internationalen Druck hat Hitler diese Weisungen 1941 zwar offiziell zurückgenommen, eine "wilde Euthanasie" wurde durch besonders engagierte Rasseärzte allerdings noch länger fortgesetzt. Wie man als Betroffener heute in dieser Gesellschaft lebt, das stellte Peter Braun vom Behindertenverband MV dar. Noch immer ist es so, das verdeutlichte auch die Podiumsdiskussion, dass unsere Gesellschaft den Umgang mit Behinderten und psychisch Kranken noch nicht gelernt hat.

Eine betroffene Mutter wies darauf hin, dass neun von zehn vorab als behindert diagnostizierten Kinder nicht mehr geboren werden. In Diskussionen wurde deutlich, dass die Grundsozialisierung unserer Zeit immer noch nicht frei ist von intuitiver Selbstjustiz. Begründet in der Anmaßung, von außen feststellen zu wollen, ab wann ein Leben es wert ist, gelebt zu werden.

1952 ist in Stralsund die psychiatrische Klinik neu eröffnet worden. Es seien seine Vorgänger in der Klinikleitung gewesen, die zwischen 1939 und 1940 die Patientenmorde und Zwangssterilisationen mit betrieben, sagte Freyberger und mahnte: "Vergessen komplettiert das Vernichten!"

JULIANE VOIG

Ostseezeitung-Stralsund

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