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Ein Jugendklub für Neonazis

Im vorpommerschen Bargischow ist die Welt längst nicht mehr in Ordnung. Seit Jahren beherrschen Rechtsextreme den Alltag. Selbst den Jugendklub nutzen sie für ihre Veranstaltungen - mit Billigung des Bürgermeisters.

13.11.2007

BENJAMIN FISCHER und JÖRG KÖPKE

Bargischow/Schwerin (OZ) Bargischow, eine 400-Seelen-Gemeinde am Stadtrand von Anklam im Landkreis Ostvorpommern, ist seit Jahren fest in rechtsradikaler Hand. 2006 wurde dort die NPD bei der Landtagswahl mit 31,6 Prozent stärkste Partei. Oft schallt abends laute Nazi-Musik aus dem örtlichen Jugendklub, in dem seit Jahren Neonazi-Bands proben. Die Schlüsselgewalt für den hellblauen Flachbau besitzt der Heimatbund Pommern - laut Verfassungsschutzbericht 2006 eine rechtsextreme Vereinigung, die Kinder und Jugendliche in die braune Szene lockt. Bürgermeister von Bargischow ist Karl-Heinz Thurow (parteilos). Bislang hatte sich Thurow offiziell dafür eingesetzt, dem rechten Treiben in seinem Dorf ein Ende zu setzen (OZ berichtete). Doch plötzlich stellt sich der 51-Jährige öffentlich hinter die Neonazis. Bei einer Gemeindevertretersitzung am Donnerstagabend erklärte er: "Wir haben den Klub offiziell an die Jugendlichen übergeben. Jetzt sind wir ihn wenigstens los." Die "Jungs" würden dort "für Ordnung sorgen". Brisant: Als die Neonazis den Jugendklub vor einiger Zeit für ihre Zwecke umbauen wollten, sponserte die Kommune alle nötigen Baumaterialien für einen frischen Außenanstrich und den neuen Fußboden. Thurow: "Die Jungs sind handwerklich sehr begabt und haben aus dem Haus etwas gemacht." Die Gemeinde könne den Klub auch einfach an den Heimatbund Pommern verkaufen. Auf OZ-Anfrage wiederholte Thurow später noch einmal seine Aussagen.

Der Bargischower Bürgermeister steht mit seiner Meinung nicht allein da. Als Christian Sell vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in Anklam die Gemeindevertreter auf derselben Veranstaltung aufforderte, gegen rechtsextreme Gruppen aktiv zu werden und eine Antiextremismus-Klausel für den Jugendklub zu unterstützen, antwortete ihm Gemeindevertreter Lutz Genz: "Das mit den Rechten ist mir scheißegal." Egal, dass das Gebäude mit dem Jugendklub seit Jahren vom Heimatbund Pommern als Vereinsheim für rechte Fahnenappelle, das Absingen rechtsextremer Lieder und das Proben einer Neonazi-Band zweckentfremdet wird?

Während das Schweriner Innenministerium unter Minister Lorenz Caffier (CDU) abwiegelt und erklärt, der Sachverhalt sei in dieser Form nicht bekannt, zeigt sich CDU-Landeschef Jürgen Seidel entsetzt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand so naiv agiert. Wenn der Sachverhalt zutrifft, wäre es instinktlos und fahrlässig. Dann muss die Gemeindevertretung in Aktion treten." Sozialminister Erwin Sellering (SPD) war gestern für die OZ nicht zu erreichen.

HINTERGRUND

Rechter Heimatbund

Der Heimatbund Pommern (HBP) ist seit August 2002 in Vorpommern aktiv und kümmert sich in erster Linie darum, über Kultur- und Sportangebote Nachwuchs für die rechte Szene zu rekrutieren. Politische Aktionen haben beim HBP nur einen untergeordneten Stellenwert. Im Zentrum stehen Singkreise, Trachten- und Trommlergruppe, Sommerlager, Fußball, Volkstanz - geboten wird das volle Programm, womit sich vor allem junge Leute erreichen lassen. Ganz nach Interesse können die Mitglieder in verschiedenen Untergruppen an den Aktivitäten teilnehmen. Unterschwellig bekommen sie dabei braune Ideologieelemente verabreicht.

Der Verfassungsschutz stuft den Heimatbund Pommern als eine rechtsextreme Organisation ein. In der Vergangenheit gelang es dem Nazi-Verein dennoch wiederholt, bei öffentlichen Veranstaltungen in Altenheimen, auf Volksfesten oder bei Geburtstagsfeiern nationales Liedgut anzustimmen.

KOMMENTAR

Alltag Extremismus

Von BENJAMIN FISCHER

In Bargischow ist Rechtsextremismus Alltag. Bei der Landtagswahl erreichte die NPD hier mehr als 30 Prozent und wurde stärkste Partei. Dabei ist sie vor Ort gar nicht präsent. Stattdessen hat sich der Heimatbund Pommern das kleine Dorf östlich von Anklam als Domizil ausgeguckt. Der örtliche Jugendklub fungiert seit Jahren als rechtes Vereinshaus. Auf dem Grundstück drum herum veranstaltet die Nazi-Organisation jeden Sommer Lieder- und Grillabende. So sollen Kinder und Jugendliche in die braune Szene gelockt werden. Dort ist Rechtsextremismus kein trockener sozialwissenschaftlicher Begriff, sondern Alltag!

Von Schwerin ist das Dorf mehr als zwei Autostunden entfernt. Und selbst wenn Innenminister Lorenz Caffier (CDU) seine Amtskollegen von der Sinnhaftigkeit eines NPD-Verbotes überzeugt, in Bargischow gibt es deshalb nicht weniger Nazis. Das Argument, ein NPD-Verbot schwächt auch andere rechtsextreme Gruppen, trägt nicht. Die Mitglieder des Heimatbundes stützen ihren Verein mit ihrem Einsatz für "die Sache" und monatlichen Spenden. Besonders in Vorpommern ist dieses Netzwerk fest etabliert - und Bürgermeister, die dem Heimatbund Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, fördern es zusätzlich. Das von Schwerin forcierte NPD-Verbot bietet keine Lösung für Gemeinden wie Bargischow, wo sich der Rechtsextremismus als Lebenswelt und Alternative zur Demokratie etabliert hat.

Ostseezeitung

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