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Hausstreit im alten NS-Musterdorf

Immobilienstreit im einstigen NS-Musterdorf Alt Rehse: Der Verein für die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte fürchtet beim bevorstehenden Verkauf des altes Gutshauses leer auszugehen. Denn an dem alten Gemäuer hat auch der Lebenspark GmbH & Co. KG - ein alternatives Gesundheitszentrum - Interesse.

06.11.2007

von Winfried Wagner, dpa

ALT REHSE - Die Gemeindevertretung des ehemaligen NS-Musterdorfes Alt Rehse (Müritzkreis) entscheidet an diesem Donnerstag über den Verkauf einer strittigen Immobilie und damit auch über die weitere Aufarbeitung der Geschichte des Dorfes. Es geht um das sanierungsbedürftige Gutshaus, in dem der Verein für die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse eine Ausstellung zur Rolle der Medizin in der NS-Zeit eingerichtet hat. Gemeinsam mit jüdischen Ärzten aus Berlin will der Verein dort ein internationales Zentrum für medizinische Ethik betreiben, befürchtet aber, nicht zum Zuge zu kommen. Das Gutshaus grenzt an den Park der ehemaligen "Führerschule der deutschen Ärzteschaft", der seit 2006 privat als "Tollense-Lebenspark" betrieben wird - dem zweiten Bewerber um das Gutshaus.

Verein schlägt Kooperation aus

"Uns wäre es am liebsten, beide Bewerber würden zusammenarbeiten", sagte Martin Aug, parteiloser Bürgermeister von Alt Rehse. Platz genug böte das grau verputzte Haus, das zu DDR-Zeiten als Gemeindebüro und Kindergarten diente. Für Kooperation sieht zumindest der Verband jüdischer Ärzte und Psychologen Berlin wenig Möglichkeiten. "Die Ziele der "Lebenspark GmbH & Co. KG" sind mit unseren Konzepten und Zielen in keiner Weise vergleichbar", erklärte der Vorsitzende des Verbands, Roman Skoblo, in Berlin. Der Verband sehe Alt Rehse als Ort, "der für eine Entwicklung in der Geschichte der Medizin Deutschlands steht, die uns in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit bis heute zu beschäftigen hat". Historikern zufolge gilt Alt Rehse als einzige "Ideologieschmiede" ihrer Art für rund 15 000 Mediziner zur NS-Zeit.

Skoblo will seine Pläne nicht rückwärts, sondern nach vorn gerichtet sehen. So bedürfe es beispielsweise einer neuen ärztlichen Ethik im Umgang mit der Humangenetik weltweit. Generell wollen auch die "Lebenspark"-Betreiber Geschichte aufarbeiten. Die Gründer der Gruppe um Bernhard Wallner kennen sich aus der Artabana-Bewegung. Das ist eine aus der Schweiz stammende Idee einer Solidargemeinschaft, die sich als Alternative zu herkömmlichen Krankenkassen versteht. Dabei legen die Mitglieder ihre Beiträge selbst fest, ein Gremium entscheidet in Notlagen über Zuschüsse.

Sie betreiben den 65-Hektar-Park mit rund 30 Gleichgesinnten. Es soll eine ökologisch ausgerichtete Bewirtschaftung und ein alternatives Gesundheitszentrum aufgebaut werden. Viele Alt Rehser haben den Verkauf des idyllisch am Ufer des Tollensesees gelegenen Parks begrüßt und auf neue Arbeitsplätze gehofft. So arbeiteten zu DDR-Zeiten, als die NVA im Park "herrschte", bis zu acht Hausmeister in dem Objekt. Das mit den neuen Arbeitsplätzen hat noch nicht geklappt, dafür hat die Dorfgaststätte wieder geöffnet. "Wichtig ist erstmal, dass der Park nicht mehr gesperrt ist", sagte Bürgermeister Aug. Man müsse den Frauen und Männern um Wallner zehn Jahre Zeit geben.

Im Gutshaus, dessen Wert auf 43 000 Euro geschätzt wurde, will Wallner die Ausstellung "Der Wert des Menschen", die von 1918 bis 1945 reicht und 1989 im Auftrag der Ärztekammer Berlin erarbeitet wurde, unterbringen. Die Dauerausstellung solle der Grundstock für ein Museum sein, das mit finanzieller Hilfe der Ärzteschaft entstehen könne. Einzelheiten wollte Wallner bisher nicht verraten. "Für uns wäre es am besten, beide würden miteinander kooperieren", versucht Aug nochmals zu vermitteln. Das Gutshaus soll jetzt der Höchstbietende erhalten.

Schweriner Volkszeitung

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