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Mit wenig Geld gegen rechts
Ein Naziladen in Rostock und rassistische Übergriffe an anderen Orten bereiten dem Ausländerbeirat in der Hansestadt Sorgen.
07.09.2007
Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Wenige Monate nach den Krawallen von Lichtenhagen im August 1992 entschied sich die Stadt Rostock, einen Ausländerbeirat wählen zu lassen. Der Peruaner Rubén Cárdenas (48) arbeitet von Beginn an mit und ist seit 1995 dessen Geschäftsführer. Zum 15. Geburtstag des Ausländerbeirats und zur heutigen Eröffnung der multikulturellen Wochen 2007 sprach er über die Ergebnisse der Arbeit und die Zukunft in Rostock.
OZ: Vor einigen Monaten öffnete ein Neonaziladen in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Macht Ihnen das Angst?
Cárdenas: Natürlich. Aber wir machen Politik seit 15 Jahren. Der Ausländerbeirat hat sich immer für ein Verbot der NPD ausgesprochen. Wir haben für unsere Arbeit nur 7000 Euro, durch die Landtagsfraktion hat die NPD viele 100 000 Euro. Damit kann man sehr viel machen.
OZ: Warum gibt es diesen Laden ausgerechnet in der KTV?
Cárdenas: Selbstverständlich ist das eine Provokation. Die Rechten konnten in Rostock bisher nicht so viel machen. Hier gibt es gewachsene Strukturen gegen Rechtsradikalismus. Die Demonstrationen gegen den Laden müssen weitergehen. Dieser Protest gibt uns Mut, weiter zu machen.
OZ: Trug die Arbeit des Ausländerbeirats dazu bei, dass es zuletzt in Rostock keine größeren ausländerfeindlichen Vorfälle gab wie vor Kurzem im sächsischen Mügeln oder Bützow?
Cárdenas: Ich glaube schon, dass wir einen Beitrag für ein besseres Zusammenleben geleistet haben. Es sind in 15 Jahren so viele Projekte gelaufen. Wir haben uns bei Friedensfesten engagiert und waren bei der Gründung der Bürgerinitiative "Bunt statt braun" beteiligt. Es wurde erreicht, dass es ein interkulturelles Zentrum im Waldemarhof gibt. So etwas existiert auch in vielen westdeutschen Städten nicht. Es gibt Angst vor Rechtsradikalismus, aber in Rostock kann man leben. Ich bin seit 15 Jahren hier.
OZ: Fühlen Sie sich in Rostock ausreichend unterstützt?
Cárdenas: Alle Oberbürgermeister dieser Stadt haben politisch die Arbeit des Ausländerbeirats unterstützt. Vorher hatten wir nur ABM, jetzt gibt es eine halbe Stelle. Und wir bekommen Geld für Sachkosten. Das sind ungefähr 7000 Euro.
OZ: Ist die Arbeit durch Sparmaßnahmen in Gefahr?
Cárdenas: Zurzeit wird alles in Frage gestellt wird. Der Ausländerbeirat will die Integrationsarbeit und die Beratung von Migranten erhalten. Dazu gehört unsere Finanzierung. Und wir wollen, dass Rostock weiter einen Ausländerbeauftragten hat. Es ist nicht klar, was mit der Stelle wird. Das ist ja eine freiwillige Leistung der Kommune. Es gibt die Idee, Behinderten- und Ausländerbeauftragten zusammenzulegen. Wir brauchen den Ausländerbeauftragten, um gewachsene Strukturen zu erhalten. Diese unterscheiden Rostock von anderen Städten in Ost- und sogar Westdeutschland.
OZ: Unterstützen die aktuellen Vorfälle in Mügeln und Bützow nicht Ihre Forderungen?
Cárdenas: Ich möchte das nicht vermischen. Das Thema Rechtsradikalismus beschäftigt uns schon sehr lange - vor Lichtenhagen und auch nach Lichtenhagen. Wichtig ist, dass Rechtsradikalismus weiter bekämpft wird. Auch die Arbeit in der Kommune ist wichtig, weil die NPD wohl bei den nächsten Wahlen im Rostocker Rathaus vertreten sein wird. Davon gehen wir aus. Gerade deshalb sind der Ausländerbeirat und ein Migrationsbeauftragter der Kommune so bedeutend.
OZ: Der Ausländerbeirat hat aber noch andere Aufgaben...
Cárdenas: Wir wollen das Zusammenleben zwischen Deutschen und Migranten verbessern. Dazu haben wir in der Vergangenheit zahlreiche Projekte durchgeführt. Das sind kulturelle Veranstaltungen, wo wir den Deutschen die Gelegenheit geben, andere Kulturen kennen zu lernen. Das organisiert der Ausländerbeirat selbst, unterstützt aber auch Vereine wie Diên Hông oder Talide. Der andere wichtige Punkt ist die Integration der Migranten.
OZ: Wie ist die Akzeptanz des Beirats bei den Ausländern in Rostock?
Cárdenas: Die Beteiligung bei den Wahlen war beim letzten Mal geringer. Aber die Akzeptanz ist da, auch wenn wir nicht alle Migranten erreichen. Wir können auch nichts entscheiden, wir sind nur ein beratendes Gremium. Wenn jemand zu uns kommt und Deutsch lernen will, können wir ihn zur richtigen Adresse schicken. Wir versuchen uns auf die politische und kulturelle Arbeit zu konzentrieren, denn die Beratung ist durch die Stadt gut strukturiert.
OZ: Wie sollte sich Rostock entwickeln?
Cárdenas: Der Ausländerbeirat ist etwas kräftiges geworden. Die Stadt hat sich nach den Krawallen von Lichtenhagen entwickelt. Es ist ein wirkungsvolles Netzwerk geschaffen worden, wofür sicher die Ereignisse vom August 1992 ausschlaggebend waren. Es ist doch klar, dass Mecklenburg-Vorpommern Zuwanderung braucht. Nicht nur wegen der demographischen Entwicklung oder weil Fachkräfte fehlen. Auch für die gesellschaftliche Entwicklung ist Zuwanderung wichtig. Aber wir müssen diese Menschen integrieren.
OZ: Funktioniert das in der Hansestadt?
Cárdenas: Der Integrationsfachdienst von Diên Hông war ja Modell für das ganze Land. Der Vorteil von Rostock ist, dass wir wenige Migranten haben und deshalb besser gestalten können. Aber wir müssen in die Zukunft sehen. Ich wünsche mir eine Stadt, die offen ist. Eine Stadt ohne etablierten Rechtsradikalismus. In der Ausbildung und in der Schule sollte für die interkulturelle Bildung mehr gemacht werden. Das ist das Wichtigste.
Interview: THOMAS NIEBUHR
Ostseezeitung-Rostock
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