Angst in der KTV: "Tut endlich was!"
Im Rathaus schilderten KTV-Bewohner, wie sie sich von Nazis bedroht und eingeschränkt fühlen.
31.08.2007
Stadtmitte - Der Frust sitzt tief. "Die Lage ist so angespannt, dass wir es nicht mehr lange aushalten", sagte eine junge Anwohnerin aus der Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV) gestern abend im Rathaus. Der Ortsbeirat der KTV und der Ausschuss für Stadt- und Regionalentwicklung wollten dort in einer gemeinsamen Sitzung die Ordnung und Sicherheit bei Demonstrationen im Stadtteil besprechen. Kurz vorher versammelten sich rund 100 KTV-Bewohner vorm Rathaus, um ihre Haltung zum Thema zu demonstrieren. "Wir wollen keinen Naziladen - und wir erwarten von den Politikern, dass sie auch Zivilcourage zeigen und sich klar positionieren", sagte Toni Trapp.
Stellvertretend übergaben einige Demonstranten Unterschriften und Erwartungen an die Bürgerschaft. "Tut endlich was!", forderten sie. Seit Mitte Juni der Naziladen in der Doberaner Straße eröffnet habe, befinde sich das Viertel im Ausnahmezustand. Nicht nur während der zwei NPD-Demonstrationen, die durch ein Großaufgebot der Polizei abgesichert wurden - und das Leben im Viertel je einen Tag lang zu Erliegen brachten. "Ich wohne in der Nähe des Ladens und muss mir jeden Abend von den Nazis einen Spruch anhören. Ich habe Angst", sagte eine Frau. "Wir werden müssen ständig Pöbeleien ertragen", bestätigte eine andere. Und nachts kreise der Hubschrauber über den Dächern. "Wenn nicht bald was passiert, eskaliert die Situation."
Vor anderthalb Wochen habe es bereits einen Zusammenstoß zwischen Bewachern und Gegnern des Naziladens gegeben, bestätigte Olaf Kühl, Leiter der Rostocker Polizeiinspektion. Fünf Beamte konnten nicht verhindern, dass die Gruppen mit Knüppeln aufeinander losgingen. "Im Moment bin ich froh über jede Nacht, in der es ruhig bleibt." Die Kritik der Anwohner, die Polizei schütze nur den Laden, nicht die Betroffenen und weigere sich bisweilen sogar, Anzeigen aufzunehmen, wies Kühl zurück. Das Gegenteil sei der Fall: "Wir brauchen solche Anzeigen, um etwas unternehmen zu können."
Die Ortsbeiratsvorsitzende Anette Niemeyer (Bündnis 90) unterstrich aber die Forderung der KTV-Bewohner, dass auch die Verwaltung Zivilcourage zeigen müsse - und verwies auf einen entsprechenden und einstimmigen Beschluss des Ortsbeirates. "Während der Demonstrationen haben sich viele wie Geiseln gefühlt", sagte sie.
Klaus-Dieter Lange, Abteilungsleiter im Stadtamt, verteidigte das Handeln der Verwaltung. "Ein Verbot ist ein völlig untaugliches Mittel." Die NPD könne sich ihr Versammlungsrecht dann vor Gericht erstreiten - und zwar zu ihren Bedingungen. Die Stadt habe sich deshalb entschieden, die Demonstration soweit wie möglich zu beschränken. "Und das haben wir voll ausgeschöpft."
Die Meinungsfreiheit sei ein höheres Gut, "als ein gutes Feeling für die KTV-Bewohner", sagte Bürgerschaftsmitglied Manfred Kunau. Bei den Gästen stieß diese Äußerung auf Unverständnis und Protest. Sie sei empört, dass Toleranz für Menschen gefordert werde, die Toleranz selber ablehnten, entgegnete eine junge Frau. Als gebürtige Argentinierin sei sie sehr enttäuscht von der passiven Haltung der Politik. Und froh, dass es in Rostock trotzdem Leute gebe, die Woche für Woche gegen den Naziladen demonstrierten.
ANNE SCHEMANN
Ostseezeitung-Rostock
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