"Wir sind wieder die Deppen!"
Der Verkauf einer Kaufhalle an die NPD sorgt in Anklam für Entsetzen. Politiker und Bürger fürchten um das Image der Stadt und kündigen Gegenmaßnahmen an.
21.08.2007
Anklam. Nach dem zum Wochenende allgemein bekannt gewordenen Kauf der ehemaligen Kaufhalle in der Pasewalker Straße durch Mitglieder der rechtsextremen Szene hat Christian Sell, Mitarbeiter des sich in Gründung befindenden Anklamer Regionalzentrums für Demokratie und Toleranz, Bürger und Politiker darin bestärkt, ihre Ablehnung dieses Vorganges "öffentlich und nachdrücklich" kundzutun.
Sell teilt die Meinung anderer Rechtsextremismus-Experten, dass die NPD-Mitarbeiter Alexander Wendt und Enrico Hamisch das Gebäude der Sparkasse Vorpommern abgekauft hätten, um es als einen informellen Treffpunkt der Partei zu etablieren. "Es ist ein übliches Vorgehen der NPD, dort verstärkt Präsenz zu zeigen, wo sie, etwa aufgrund von für sie positiven Wahlergebnissen, prinzipiell mit einer Offenheit für ihre Ansichten rechnen können", sagte Sell. Umso wichtiger sei der deutliche Widerstand vor Ort gegen diese Art der Vereinnahmung der NPD, betonte Sell.
Dieser sicherte die Unterstützung des Anklamer Regionalzentrums für Demokratie und Toleranz für friedliche Gegenaktionen zu: "Wir stünden mit Rat und Tat zur Seite." Sell betonte zugleich, dass es nicht ausreiche, den Kauf der Anklamer Kaufhalle durch Mitglieder der rechtsextremen Szene zu verurteilen. "Es muss außerdem aufgezeigt werden, warum man dagegen ist." Andernfalls sei es schwierig, sich nachhaltig gegen Argumente der NPD abzugrenzen.
Unterdessen hat auch die Fraktionschefin der Linken im Anklamer Stadtparlament, Monika Zeretzke, angekündigt, dass alle "möglichen demokratischen Schritte" unternommen würden, um die Nutzung der Kaufhalle durch die NPD "auf friedliche Weise" zu verhindern.
Zeretzke äußerte zugleich ihren Unmut über den erfolgten Verkauf an die NPD-Mitarbeiter durch die Sparkasse Vorpommern, die diesen Vorgang ausdrücklich bedauert hat. "Jetzt steht Anklam wieder als eine Kommune da, mit der man so etwas machen kann, ohne dass wir irgend etwas dafür können", sagte Zeretzke. "Wir sind wieder die Deppen!"
Anklams Bürgermeister Michael Galander (parteilos) hatte zuvor bereits als eine mögliche Gegenmaßnahme angekündigt, das Gebäude nachträglich mit Auflagen zu versehen, die der NPD die Nutzung zumindest erschwerten. Nach einem gestrigen Gespräch zwischen Bürgermeister und Landkreis hatte der Landkreis erklärt, rechtliche Möglichkeiten prüfen zu wollen, um die Gründung eines NPD-Schulungszentrums in Anklam zu verhindern.
Vor dem Hintergrund des Verkaufs der Kaufhalle an NPD-Mitarbeiter hat Prof. Stephan Tanneberger vom Anklamer Friedenszentrum die Wichtigkeit der politischen Bildung in der Stadt hervorgehoben. "Es ist unsere Aufgabe, die Anklamer über Nationalsozialismus und Rechtsextremismus sowie die Ziele der NPD umfassend aufzuklären und sie mit ihren Fragen nicht alleine zu lassen", betonte Tanneberger. Dadurch könne der Unterstützung der NPD entgegengewirkt werden.
Alexander Wendt und Enrico Hamisch, beide Wahlkreismitarbeiter von NPD-Landtagsabgeordneten, hatten am 30. Mai bei einer Zwangsversteigerung das Amtsgerichtes Anklam die 500 Quadratmeter große Kaufhalle für 17 000 Euro von der Sparkasse Vorpommern erworben. Laut Aussage eines Sprechers der Sparkasse sei eine Rückabwicklung des Immobilienverkaufs rechtlich nicht mehr möglich.
Das in dem Gebäude zurzeit noch ansässige Möbelkaufhaus hat zum 30. September die Kündigung erhalten.
KERSTIN HEBELER
Ostseezeitung-Usedom
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