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Werwölfe im Weltkulturerbe

Sie vernageln ihre Fenster, attackieren Nachbarn, beschießen Demonstranten mit Stahlkugeln. Neonazis verschrecken in Wismar Einwohner und Touristen. Die Stadt sieht sich als Hochburg des Rechtsextremismus gebrandmarkt - und reagiert hilflos: mit einer Imagekampagne.

18.08.2007

Von Philipp Wittrock, Wismar

Wismar - Zwischen historischer Schönheit und zeitgenössischem Schandfleck liegen nur ein paar Schritte. Vom Alten Hafen aus, wo die Touristen das barocke Baumhaus mit den zwei Schwedenköpfen bewundern oder zum Bootstrip in die Wismarer Bucht starten, geht es durch das spätgotische Wassertor über geputztes Kopfsteinpflaster auf den Spiegelberg. Um das große Fenster im Hochparterre des Altbaus mit der Hausnummer 21 rankt sich üppiger Efeu. Bis vor kurzem war die Scheibe noch mit einem großen Holzbrett vernagelt - "Nazis raus" und "Fight Fascism" hatte jemand mit Edding darauf geschmiert.

Auch jetzt, wo der Sichtschutz auf Druck des Ordnungsamts entfernt wurde, ist nicht viel zu erkennen. Doch jeder weiß, womit hinter der Scheibe des "Werwolfshops" Geld verdient wird. Hier gehen einschlägige CDs von Bands wie "Kraftschlag" über den Tresen, Reichskriegsflaggen, Rudolf-Hess-Poster oder T-Shirts mit "Combat 18"-Aufdruck, dem militanten Arm des hierzulande verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour". Es gibt alles, was das braune Herz begehrt.

Die potentielle Kundschaft des Ladens muss man in der Hansestadt nicht lange suchen. Stolz trägt sie das Stadtwappen auf der Brust, dazu den Schriftzug "Fronthafenstadt Wismar". Oder Kapuzenpullover der bei Rechtsradikalen beliebten Marke Thor Steinar. Man sieht sie in der Fußgängerzone der Altstadt, die die Unesco zum Weltkulturerbe erhoben hat, zwischen den Touristengruppen auf dem Marktplatz - man sieht sie vor dem Geschäft am Spiegelberg.

Der "Werwolfshop" ist einer von drei Treffpunkten einer rechtsextremen Wismarer Szene, deren aggressives Selbstbewusstsein den Bürgern zunehmend Angst macht. Nachbarn berichten von Drohungen und Pöbeleien auf offener Straße, von tätlichen Angriffen auf Passanten. Neonazis, die betrunken vor dem Haus abhingen, beschimpften eine Anwohnerin als "Kommunistenschwein", weil sie ein rotes T-Shirt trug. "Mach die Juden-Musik aus", brüllten Skinheads einer anderen ins Fenster, die einer Oper lauschte.

Stahlgeschosse aus der Wolfshöhle

Ein Teil der braunen Clique lebt direkt um die Ecke, in der "Wolfshöhle II", einem rechtsextremen Wohnprojekt, das sich im vergangenen Jahr in der Fischerstraße 2 eingerichtet hat. An der Haustür in der engen Gasse hängt ein kleines Poster mit Werwolf-Motiv und Handy-Nummer zur Kontaktaufnahme. Die Neonazis gehen auf Nummer Sicher: In der Mitte des Logos "Werwolf Wismar" haben sie die dazu gehörenden, nur leicht entfremdeten SS-Runen nachträglich mit einem Fragezeichen überklebt. Laut Impressum residiert mit dem "Totenkopfversand" hier auch einer der größten Neonazi-Internetshops, der bis vor kurzem noch als "H8-Store" firmierte und zu dessen Szene-Imperium auch der Werwolfshop gehört.

Als im April eine von Wismarer Antifaschisten organisierte Demonstration an der von der Polizei abgeriegelten Fischerstraße halt machte, schossen Neonazis vom Dach der "Wolfshöhle" mit Zwillen Stahlkugeln in die Menge der rund 300 linken Protestierer. Einer von ihnen wurden von einem Geschoss am Kopf verletzt. Beamte durchsuchten anschließend das Haus, nahmen einen mutmaßlichen Täter fest - und stellten zehn mit Stacheldraht umwickelte Axtstiele sicher.

Schon acht Monate zuvor war die Situation bei einer Demo gegen die Wismarer Rechtsextremisten eskaliert. Seinerzeit hatte sich eine Handvoll Neonazis vor dem "Werwolfshop" - damals noch in der Neustadt beheimatet - mit Baseballschlägern dem Protestzug entgegengestellt. Mehrere Polizisten hielten die Werwolf-Gang daraufhin mit durchgeladenen Dienstwaffen in Schach. Von der Internetplattform YouTube ging das Video der dramatischen Szenen um die Welt.

Hitlergruß in der Berufsschulklasse

Das Schaufenster des Tattoo-Studios "Needle of Pain" in der ABC-Straße ist zerborsten. Das kommt häufiger vor, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Wenn irgendwo das Glas an einem einschlägigen linken oder rechten Treffpunkt splittert, dauert es oft nur einen halben Tag, bis es auf der Gegenseite scheppert. Das "Needle of Pain" ist der dritte Neonazi-Brennpunkt; hier sollen die Kunden neben Körperschmuck auch mit rechtsextremen Propagandamaterial versorgt werden.

Auf der anderen Seite, ein paar Meter weiter die Straße herunter, sitzen Katrin Frenkel und Horst Krumpen im Bürgertreff "Treffpunkt Altstadt" und zucken mit den Schultern: "So ist das hier in Wismar". Die beiden gehören zum Vorbereitungsteam des Netzwerks für Demokratie und Toleranz, in dem sich zahlreiche Wismarer Vereine, Verbände, Parteien und Privatleute gegen Rechtsextremismus engagieren.

Frenkel und Krumpen erzählen von angespuckten Touristen, von verprügelten ausländischen Studenten, von Drohungen mit der Baseballkeule auf dem Bahnsteig, von einem Überfall auf einen Jugendclub, vom rechtsradikalen "Grillfest gegen links", vom Hitlergruß im Klassenzimmer der Berufsschule, von gezielten rechtsradikalen Anwerbeversuchen unter arglosen Jugendlichen. "Wir wollen die Bürger gegen die Neonazis mobilisieren", sagt FDP-Mann Krumpen. Dazu gehört Unterstützung für die geplagten Bewohner des Spiegelbergs genauso wie grundlegende Aufklärungsarbeit wie etwa Info-Abende unter dem Motto: "Rechtsextrem - was ist das eigentlich?"

Auch wenn das Ziel ein gemeinsames ist, immer wieder gibt es Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Interessen unter dem Dach des Netzwerks zu bündeln. Besonders Stadt und Bürgerschaft handelten nicht immer konsequent, beklagen Frenkel und Krumpen. Wie könne es sonst sein, dass ein im Kampf gegen die Szene erfolgreicher Jugendtreff wegen gestrichener Personalzuschüsse seine Sozialarbeiterin verliere? Oder dass ein dem rechtsextremen Umfeld nahe stehendes Sicherheitsunternehmen Ordnerdienste auf dem Hafenfest leiste? Ganz zu schweigen von der verbockten Sonderförderung aus dem Bundeshaushalt für Projekte gegen Rechts.

"Wir können uns das nicht erklären", beteuert Stadtsprecher Frank Junge. Bis zu 300.000 Euro für den Kampf gegen Rechtsextremismus gehen Wismar bis zum Jahr 2010 durch die Lappen, weil der aussichtsreiche Antrag auf die Fördermittel Ende vergangenen Jahres nicht fristgerecht beim Bundesfamilienministerium eingegangen war - obwohl man ihn in Wismar ausgefüllt haben will. In der Berliner Behörde bemerkte ein Sprecher seinerzeit süffisant, dass man bei Online-Bewerbungen auch auf den Button "Absenden" klicken müsse.

Mit vergleichsweise minimalen finanziellen Mitteln hat Wismars Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken (SPD) unter dem Motto "Neugierig. Tolerant. Weltoffen" nun eine Imagekampagne für die Hansestadt gestartet. Mit einheitlichen Buttons, Aufklebern und Plakaten sollen die Bürger zeigen, dass sie die Neonazis in der Stadt nicht dulden. Doch vier Monate nach Beginn der Aktion zeigt kaum jemand in der Innenstadt mit dem blau-roten Logo im Schaufenster oder am Auto Flagge. Auch die Resolution gegen Rechts haben auf der eigens geschalteten Internetseite erst knapp 1500 Menschen per Mausklick unterzeichnet. "Die Resonanz stimmt uns nicht zufrieden", räumt man auch im Rathaus der 45.000-Einwohner-Stadt ein.

"Wir reden nichts klein"

Hinter vorgehaltener Hand wird in Kreisen des Netzwerks kritisiert, die Kampagne sei ohnehin weniger dem ernst gemeinten Kampf gegen die Neonazis als vielmehr der Sorge um den Ruf der Stadt geschuldet. Tatsächlich beklagte sich Bürgermeisterin Wilcken mit Blick auf die Bilder vom bewaffneten Polizeieinsatz bei der Antifa-Demo im vergangenen Sommer über die "unfaire" Berichterstattung, die der Stadt zu Unrecht das "Kainszeichen" einer Hochburg des Rechtsradikalismus eingebracht habe.

Gleichzeitig wehrt sich die Stadt immer wieder gegen den Vorwurf, sie nehme das rechtsextreme Problem nicht ernst. Es gebe eine Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung der Bürger - etwa der Nachbarn des Szeneladens - und den ordnungsrechtlichen Möglichkeiten. "Nur weil uns der Laden nicht gefällt, können wir ihn nicht einfach zumachen", heißt es bei der Stadtverwaltung. "Wir reden aber nichts klein." Nur sei das Problem eben nicht größer als in anderen ostdeutschen Städten auch, betont Sprecher Junge und verweist auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes.

Der allerdings erkennt im Großraum Wismar immerhin einen "regionalen Schwerpunkt rechtsextremistischer Subkulturen". Dazu zählt die örtliche Polizei einen "eher unpolitischen" Kern von rund 20 Personen, für die eine "relativ hohe Gewaltbereitschaft prägend ist", wie Revierleiter Rainer Dittschlag sagt. "Es sind immer die gleichen Leute, die auffällig werden." Die aber haben gemeinsam für satte 120 Einträge in der Sammelakte gesorgt - von Diebstahl über Volksverhetzung bis zu schwerer Körperverletzung.

Zugeschlagen wird auch schon mal untereinander: Während derzeit vor Gericht ein Totschlag im Milieu aus der Neujahrsnacht verhandelt wird, hatten Anwohner des Spiegelbergs und der Fischerstraße erst vor wenigen Tagen wegen eines lautstarken nächtlichen Streits wieder einmal die Polizei zur "Wolfshöhle" bestellt. Die beiden Männer, die die Beamten vor Ort antrafen - einer von ihnen am Kopf verletzt -, wollten von einer ernsten Auseinandersetzung zwar nichts wissen. Am nächsten Morgen aber entdeckten Anwohner in der Gasse große Blutlachen und Blutspritzer an der Hauswand. In der Lokalpresse war von einer Auseinandersetzung in der rechtsextremen Szene die Rede, mit einem Hammer soll ein Mann einem anderen auf den Schädel geschlagen haben.

Zynisch genug, dass die erneute Negativschlagzeile sogar für einen Hoffnungsschimmer sorgt. Es gibt Gerüchte, dass der permanente Ärger inzwischen auch dem Vermieter der "Wolfshöhle" zuviel wird. Bislang galt er als mindestens gleichgültig gegenüber der Gesinnung seiner Mieter. Nun aber denkt er offenbar darüber nach, den Bewohnern fristlos zu kündigen. Ob die dann allerdings aus Wismar verschwinden, bleibt abzuwarten.

Spiegel online

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