Macht die NPD Anklam zum Schulungsort?
Die Sparkasse verkaufte der NPD eine alte Kaufhalle. Dort plant die Partei künftig offenbar Großveranstaltungen. Bürgermeister Michael Galander ist entsetzt.
18.08.2007
Anklam (OZ) Noch bis zum 30. September läuft die Gnadenfrist der NPD. Danach muss das Möbelkaufhaus in der Anklamer Innenstadt schließen. "Ich habe meine Kündigung dankend entgegengenommen", sagt die Inhaberin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Mit diesen Leute möchte sie nichts zu tun haben. Seit kurzem sind die NPD-Mitarbeiter Alexander Wendt und Enrico Hamisch die neuen Eigentümer der alten Kaufhalle. Größe: 500 Quadratmeter. Kaufpreis: 17 000 Euro. Ein Schnäppchen.
Brisant: Ausgerechnet der Sparkasse Vorpommern haben die neuen Eigentümer das Objekt abgekauft. Auf einer Zwangsversteigerung des Amtsgerichtes Anklam am 30. Mai erhielten Wendt und Hamisch den Zuschlag. Peter Sievers, Sprecher der Sparkasse, bedauert den Vorfall: "Leider ist der Eigentumsübergang bereits erfolgt, eine Rückabwicklung durch die Sparkasse ist rechtlich nicht mehr möglich." Klartext: Die 17 000 Euro hat die NPD inzwischen komplett überwiesen, so dass es an dem Deal nichts mehr zu rütteln gibt. Die etwas heruntergekommene Immobilie mit angrenzendem Parkplatz gehört zur Insolvenzmasse der früheren Konsum-Genossenschaft.
Warum nun gerade zwei in Vorpommern bekannte Neonazis das Gebäude übernommen haben, kann sich der zuständige Greifswalder Insolvenzverwalter Uwe Degen-Gellenbeck auch nicht erklären. "In so einem Fall hätte man tricksen und den Zuschlag verweigern können", sagt er. Dass Wendt und Hamisch führende Mitglieder der rechten Szene sind, ist auch in Anklam kein Geheimnis. Selbst der Direktor des Amtsgerichtes Anklam, Jörg Dräger, gibt offen zu, dass ihm "die beiden Namen geläufig sind". Dennoch sei so ein Geschäft nicht zu verhindern, "solange niemand ein höheres Gebot abgibt." Was genau die neuen Eigentümer mit dem Gebäude vorhaben, dazu schweigen sie.
Fakt ist, beide sind Wahlkreismitarbeiter von NPD-Landtagsabgeordneten. Wendt wurde im Jahr 2005 wegen Körperverletzung verurteilt. Im Sommer zuvor hatte er eine Mitarbeiterin des Mobilen Beratungsteams angegriffen, die hinterher blutüberströmt ins Krankenhaus kam. Hamisch ist unter anderem Herausgeber des "Inselboten" - einer rechtsextremen Postille, die zwischen Stralsund und Ueckermünde kostenlos in die Briefkästen gesteckt wird. Geschätzte Auflage: 30 000 Stück.
Anklams Bürgermeister Michael Galander (parteilos) reagiert entsetzt. "Von einer Sparkasse, die zuvor NPD-Konten kündigte, habe ich was anderes erwartet", kritisiert der Rathauschef das Kreditinstitut. "Wir werden jetzt nach allen Möglichkeiten suchen, ein NPD-Schulungszentrum in Anklam zu verhindern." Auch wenn im Prinzip alle Messen gesungen sind, will Galander das Gebäude nachträglich mit Auflagen zu versehen, die der NPD die Nutzung erschweren.
Experten haben an der Absicht der Partei, ein Schulungszentrum zu errichten, keine Zweifel. "Wenn jetzt kein Schulungsort entsteht, heißt das, dass die NPD in MV über ausreichend große Räumlichkeiten verfügt, um ihre Mitglieder zu schulen", ist sich Günther Hoffmann vom Zentrum für demokratische Kultur in Berlin sicher. Für Christian Sell vom Regionalzentrum für demokratische Kultur in Anklam ist die Sache klar: "Hier wird es in Zukunft Großveranstaltungen der NPD geben." Auch für Rechtsrock-Konzerte dürfte das Gebäude künftig eine interessante Adresse sein, die bisher oft im ostvorpommerschen Lassan stattfanden - ebenfalls in einer alten Kaufhalle. Montag ist eine Krisensitzung mit allen Beteiligten angesetzt.
BENJAMIN FISCHER
Ostseezeitung
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