Stärke zeigen gegen Rechts
Lübtheen ist durch braune Siedler und 16 Prozent NPD-Wähler bundesweit in die Negativschlagzeilen geraten. Jetzt wehren sich Bürger und setzen auf Initiative von Bürgermeisterin Ute Lindenau aktive Mitwirkung dagegen. Heute besucht Bundespräsident Horst Köhler die Stadt.
18.07.2007
von Evelyn Schaffernicht
LÜBTHEEN - "Leute, die in Lübtheen geboren wurden, sind bodenständig", sagt die energische Frau. Und zählt sich auch dazu. 1960 in Lübtheen auf die Welt gekommen, verfolgte sie seit Lehr- und Arbeitsjahren in Schwerin und anderswo hartnäckig ein Ziel: Zurückzukehren nach Lübtheen. Ute Lindenau hat es geschafft. "Die Stadt ist wunderschön mit ihrem Grün und der Altbausubstanz. Sie hat einen besonderen Charme - bietet Geborgenheit statt Anonymität - sie ist meine Heimat, das ist ein ganz tiefes Gefühl, ein Teil von mir."
1994 wurde sie für kurze Zeit ehrenamtliche Bürgermeisterin von Lübtheen. Sieben Jahre Arbeit im Landkreis folgten; seit Anfang 2002 steht sie hauptamtlich der Stadt vor. Ute Lindenaus Heimat hat einen Makel bekommen, seitdem sich die Siedler mit dem NPD-Parteibuch hier ausbreiten und bei der Landtagswahl im Herbst 16 Prozent der Lübtheener Stimmen bekamen. In den Schlagzeilen der überregionalen Presse ist die Rede von dem braunen Nest Lübtheen - braun auch ohne Braunkohle - so titelte eine Tageszeitung.
"Nicht wegsehen und hoffen das geht vorüber"
Das Bild der Stadt wurde massiv beschädigt, erklärte die Bürgermeisterin. Es ist schlimm, sagt Ute Lindenau, dass man anderswo nicht mehr offen sagen kann, woher man kommt. Andere Einwohner sehen das ähnlich: Die Lehrerin, die in Niedersachsen arbeitet und auf ihrem Platz im Lehrerzimmer immer wieder Presseberichte über das braune Lübtheen findet. Der Gewerbetreibende, dem seine Kollegen aus anderen Orten sagen, dass sie sich in der Stadt mit dem zweifelhaften politischen Ruf auf gar keinen Fall engagieren werden. "Ich kann nicht wegsehen und hoffen, das geht wieder vorüber. Man muss etwas tun", betont Lindenau.
"Freiheit heißt, aktiv zu werden"
Und begründet: "Freiheit heißt, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, aktiv werden, sich verantwortlich zu fühlen." Die Bürger von Sportvereinen und aus der Handwerkerschaft, von Verbänden und aus den unterschiedlichsten Einrichtungen, die sich zum lokalen Bündnis für Lübtheen vereint haben, um Demokratie zu verstärken, pflichten ihr bei. Inzwischen sind es über 50 Bürger, die Zeichen gegen Rechts setzen. eine lange Liste mit Vorhaben ist erarbeitet. Und mit Verantwortlichkeiten. Nicht ein einziges Mal war in der Runde zu hören, "ich kann nicht" oder "das geht nicht". Ute Lindenaus Idee hatte gezündet: Eine Gemeinschaft von Menschen wurde aktiviert, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Jedoch sehen sie ihren gemeinsamen Nenner nicht nur darin, gegen Rechtsextremismus zu sein, sondern zugleich für eine vielfältige Alternative in dieser Stadt tätig zu werden. Während beim ersten Treffen bei einigen noch Hilflosigkeit zu spüren war, Ängstlichkeit, ein Gefühl, ohne Macht zu sein, überwiegt mittlerweile die Stärke vom Wissen um die eigene Kraft.
"Wir wollen die Rattenfänger nicht"
Zum Teufel, hatte die Lindenau gesagt, und mit der Faust auf den Tisch gehauen, wir sind doch nicht allein, wir sind in der Mehrheit, und wir wollen sie nicht, die Rattenfänger mit ihrem Populismus, mit dem sie ewig gestriges Gedankengut wieder etablieren wollen. "Mir machen die keine Angst, klar haben sie Fotos gemacht, führen schwarze Listen und schicken beleidigende Emails. Na und?"
Enttäuscht ist sie eher von denjenigen, die den Braunen auf den Leim kriechen. "Die Geschichte hat doch gezeigt: Wer die Hoffnung sät und verspricht, dass der Staat alles regeln wird, was im Argen liegt, hat Unfreiheit im Sinn und auf keinen Fall den mündigen Bürger." Man muss lernen, dass man selbst aktiv werden muss, meint sie, auch wenn es für viele nicht einfach ist. Demokratie, fügt sie hinzu, lebt nun einmal von der Mitwirkung vieler, gerade und vor allem im Kleinen, in den Kommunen.
Schweriner Volkszeitung
|