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Nazi-Demo hielt Rostock in Atem
Die befürchteten Krawalle bei der Nazi-Demo blieben am Sonnabend aus. Beim Friedensfest wurde Front gegen die Rechten gemacht.
02.07.2007
Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Hunderte Rostocker protestierten am Samstag gegen den NPD-Aufmarsch, an dem gut 100 Rechte teilnahmen. "Die Hansestadt darf nicht von Radikalen als Bühne missbraucht werden", sagte der amtierende Oberbürgermeister Georg Scholze (CDU) auf dem Friedensfest am Margaretenplatz. "Es ist kein gutes Images, wenn es radikale Tendenzen in der Stadt gibt."
Das politische Fest gegen Rechts war von einem breiten Bündnis von Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Initiativen unter dem Motto "Schöner Leben ohne Nazi-Läden" organisiert worden. Etwa 600 Leute waren gekommen. Viele zeigten ihren Ärger darüber, dass die NPD in ihrem multikulturellen Stadtviertel einen Bekleidungsladen eröffnet hat. "Es ärgert die Menschen auch, dass die Nazis einen geschlossenen Ring durch die KTV gelaufen sind", sagte Juso-Vorsitzender Julian Barlen. Er weiß um große Ängste, dass es abends zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte.
Viele Rostocker hatten bunte Fahnen an ihre Fenster gehängt. Katja Gäbel (28), zog am Sonnabend von Berlin in die Rostocker KTV. "Der Nazi-Aufmarsch macht mir Angst", sagt die junge Frau. Ihre Eltern seien entsetzt gewesen, als sie hier Nazis zu Gesicht bekommen hätten. Sail-Assistentin Kristin Boeck (41) wohnt gerne in der KTV. Damit die Rechten hier nicht Fuß fassen, besuchte sie mit ihrem Sohn das Friedensfest und zeigte so Flagge. Harry Brei (73) hat noch Erinnerungen an die Bombennächte von April 1942. "Man hätte es nicht zulassen dürfen, dass die Nazis hier marschieren", mahnt der Rostocker. Auch Hans Gerlach (70) kann es nicht fassen, dass die Nazis die KTV in Beschlag nehmen. "So etwas hat es in Rostock noch nicht gegeben." 1945 habe er als Achtjähriger mit der Familie bei den Bombenangriffen Zuflucht in der Borwinschule gesucht. Die Erinnerung sei plötzlich wieder sehr lebendig. Hans Haefke (76) kam zum Margaretenplatz und forderte im OZ-Gespräch ein "Verbot der NPD. Ich habe als junger Mensch den Faschismus erlebt und weiß, was der anrichtet." Mittlere und ältere Jahrgänge waren Sonnabend in der KTV rar. Und viele haben Angst, ihren Namen preiszugeben. "Ich weiß, was Nazis bedeuten", äußert sich eine ältere Frau. "Es ist alles traurig."
Anwohner berichten auch, dass Neonazis sich in Gaststätten blicken lassen, durch die Straßen ziehen und Türeingänge fotografiert haben.
Am Sonnabend hatte die Polizei die weiträumig abgesperrte Innenstadt im Griff. 2000 Beamte aus acht Bundesländern waren im Einsatz. Zahlreiche KTV-Bewohner hatten vorübergehend keine Chance, in ihre Wohnung zu kommen. Beispielsweise Jörg Bugenhagen. Er nahm es locker. "Ich bin für freie Meinungsäußerung. Aber wer die Verfassung nicht akzeptiert, darf nicht demonstrieren", äußert der 29-Jährige.
"Es ist für die Deeskalation mehr getan worden, als je zuvor", sagt Hans-Joachim Engster, Chef des Stadtamtes. "Wir haben vermittelt zwischen Polizei und Veranstalter der Gegendemo. Es läuft ein ehrlicher Kontakt." Das Konzept ging auf. Krawalle blieben aus. 14 Konfliktmanager der Polizei waren im Einsatz.
Der Aufmarsch der Rechten begann gegen 17 Uhr mit vierstündiger Verspätung. Im Zug waren 200 linke und rechte Demonstranten aneinander geraten. Es kam zu Prügeleien.
WOLFGANG THIEL
Ostseezeitung-Rostock
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