Gefühlter Kampf gegen Windmühlen
IMAGESCHADEN Seit dem Wahlerfolg der NPD im vergangenen Herbst fühlt sich die Stadt Ueckermünde am Stettiner Haff ins falsche Licht gestellt.
09.02.2007
Von Thomas Beigang
Ueckermünde. "Hier am Ufer des Stettiner Haffs", macht sich bei dem Ueckermünder SPD-Stadtvertreter Alexander Erinski Stolz breit, "haben Meteorologen im Jahr 2005 deutschlandweit die meisten Sonnenstunden gezählt." 2005, ein Jahr vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, da war hier am Haff die Welt noch in Ordnung. Scheinbar. Noch keine Rede von den über 18 Prozent der Wähler, die sich für die rechtsextreme NPD entschieden.
Niemand wollte laut ahnen, dass der stadtbekannte NPD-Kandidat Tino Müller, ein arbeitsloser Maurer, allein in "seinem" Wohngebiet jeden dritten Wähler für sich einnahm. Das Erschrecken hinterher war riesengroß. Ueckermünde, am Rand Mecklenburg-Vorpommerns gelegen und vom "Rest" der Republik bis dahin kaum wahrgenommen, geriet plötzlich ins Rampenlicht. Die kleine Stadt am Haff - ein Hort der Ewiggestrigen und neuen Nazis?
Gerd Walther, von hier 2002 bis 2006 als Abgeordneter der Linkspartei in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns gezogen und heute Bürgermeister einer kleinen Gemeinde vor den Toren Ueckermündes, zeigt sich von der großen Anhängerschaft der Rechtsextremen in seiner Heimat nicht sonderlich überrascht. "Schon zur Landtagswahl 1998 haben die damals noch zersplitterten NPD, DVU und Republikaner über acht Prozent der Wählerstimmen erreicht. Wir haben früh vor der Entwicklung gewarnt". Nur leider, so Walther, wäre seinerzeit die Linkspartei der einsame Rufer im Wald gewesen.
Als "Nestbeschmutzer" musste sich im vergangenen Herbst auch der Chef der Ueckermünder Touristik-Info, Jürgen Appelhagen, titulieren lassen. Der Mann hatte öffentlich gemacht, dass ihn schon Tage nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse E-Mails potenzieller Urlaubsgäste erreichten, die ihre Buchungen für Ueckermünde stornierten. Darunter auch Fußballer aus Berlin, die mit 40 Mann anreisen wollten, nun aber, aus Sorge um ihre Sportfreunde "mit Migrationshintergrund", lieber woanders ihre Mannschaftskassen auf den Kopf hauten. "Das hat sich aber wieder normalisiert", sagt Appelhagen.
Summa summarum hätten im vergangenen Jahr 500 000 Gäste die Stadt und das anliegende Haff besucht. "Und wer hier gewesen ist", so der Tourismus-Fachmann, "nimmt auch gute Erfahrungen mit." Das hässliche Gesicht der Stadt wäre nur durch die überregionale Berichterstattung nach der Wahl gemalt worden. "Wer durch Ueckermünde geht, der merkt nichts von Rechtsextremen."
Alexander Erinski, nicht nur für die SPD im Stadtrat, sondern auch stellvertretender Kreisvorsitzender seiner Partei, merkt schon was. Der 40-Jährige arbeitet als Ausbilder im Berufsförderungszentrum der Stadt, einer überbetrieblichen Ausbildungsstätte, in der junge Männer Autoschlosser oder Tischler lernen können. Unter denen einige, die sich deutlich als NPD-Anhänger zu erkennen geben. Mit denen, sagt der resolute Ueckermünder, gehe er nicht anders um als mit den anderen. Die Jungs "umzudrehen" wäre ein langer Weg. "Da ist viel Kleinklein nötig, viel Überzeugungsarbeit." Dennoch: "Ich will mir nicht von denen kaputt machen lassen, was wir Stadtvertreter schon alles für Ueckermünde erreicht haben." Denn im Gegensatz zu benachbarten Städten könne sich Ueckermünde doch wirklich sehen lassen.
Um die Akzeptanz der "Kameraden" in der Stadt mache er sich aber keine Illusionen. Viel Renomee hätten jene gewonnen, als sie 2002 die sogenannte Bürgerinitiative "Schöner und sicherer wohnen in Ueckermünde" ins Leben riefen, die gegen den Umzug eines Asylbewerberheimes aus dem Umland in die Stadt protestierte und deren Forderung 2000 Ueckermünder unterschrieben. Als später der Umzug aus "Kostengründen" gestrichen wurde, feierten die braunen Kameraden das als ihren Sieg über das System.
"Ein fatales Zeichen", wertet das auch heute noch Gerd Walther. "die haben wohl registriert, dass sie etwas erreichen können." Erst recht nach dem Beitritt der Kameradschaften in die ehemals als viel zu lasch verschriene NPD. Auf einmal waren sie sogar wählbar - die Strategie ist aufgegangen.
Doch auch Walther will von einer Dominanz der Rechtsextremen in der Stadt nichts wissen: "Das ist ein Mythos, den die nur allzu gern pflegen. Genau wie das Märchen von den Sozialhelfern aus der NPD." Wer sich allabendlich nur an einem heruntergekommenen Garagenkomplex treffe, könne wohl kaum sagen, er dominiere den öffentlichen Raum.
Als Antwort auf die Erfolge der Rechten gründeten Pastoren, Gewerkschafter und Mitglieder der demokratischen Parteien vor knapp drei Jahren ein Bündnis für Integration, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (BIRD). Dabei ist auch Irina Rimkus, die sich zum "harten Kern" des Bündnisses zählt. BIRD, ausgesprochen wie bird, englisch: der Vogel, will sich besonders an die Jugend wenden und verweist auf eine lange Liste von Aktivitäten, die von Ausstellungen und Friedensfesten reicht bis hin zur Gründung eines Aktionsbündnisses "Bunt statt braun". "Aber manchmal", stöhnt Irina Rimkus, "ist das wie ein Kampf gegen Windmühlen."
Aber nicht immer. Stolz auf ihre Mitbürger sind die Aktivisten wie bei jener Kundgebung gegen eine rechtsextreme Demonstration. Bis auf zwei Ladeninhaber stellten alle Geschäftsleute ihre Schaufenster für eine BIRD-Plakataktion zur Verfügung. Auch dass bei einer Unterschriftensammlung für "ein tolerantes Mecklenburg-Vorpommern" binnen nur zweier Stunden immerhin 60 Unterschriften zusammenkamen. Und das in der sogenannten Hochburg der NPD, in Ueckermünde-Ost.
Hier steht auch ein funkelnagelneues Freizeitzentrum, das jeden Nachmittag für Schüler und Jugendliche seine Türen öffnet. Edgar Baudner, dem Leiter, ist klar, dass er "die ganz harten Rechten" nicht erreicht. Er betrachtet sein Haus jedoch als "ganz gute Prävention". Knallharte Regeln gelten: Wer Stunk macht und gegen Ausländer hetzt, fliegt raus. Und dass Kontrolle doch besser ist als Vertrauen. Kopierte CDs mitzubringen und abzuspielen gilt hier als verboten. Nur eine gekaufte CD ist eine gute CD.
Nordkurier
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