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Ortstermin auf braunem Untergrund

Innenausschuss. Ihren Besuch in dem von Rechtsradikalen okkupierten Dorf Jamel verstehen seine demokratischen Mitglieder als Flaggenzeigen gegen Nazi.

19.01.2007

Von Andreas Zecher

Jamel. Ein unwirtlicher Ort. Das liegt nicht nur an Wind und Dauerregen. In Jamel ist auch bei strahlendem Sonnenschein kaum etwas Schönes zu entdecken. Unter den Dutzend Gebäuden sind etliche Ruinen und die Häuser, die noch bewohnt sind, sehen ganz anders aus als die Musterstücke der Bausparkassen. Dabei liegt Jamel nicht im fernen Osten das Landes, sondern ist Teil der prosperienden Gemeinde Gägelow, nördlich der Bundesstraße 105, zwischen Wismar und Grevesmühlen.

Hierhin hat es gestern den Innenausschuss des Landtages verschlagen. Mit ihm einen Tross von Neugierigen, Polizisten, selbst Innenminister Lorenz Caffier (CDU) ist angereist. Den prominenten Besuch und das politische Interesse verdanken die Einwohner dem Umstand, dass sie in der Öffentlichkeit als Nazis und Rechtsradikale gebrandmarkt werden. Seit 1992, so die neu aufgelegte braune Chronik, hat sich hier ein Mob breitgemacht, der dem "Führer" huldigt, pyromanisch die nordischen Götter feiert und Andersdenkende verprügelt, ihnen das Dach über dem Kopf abfackelt, sie so zu Aufgabe von Haus und Hof getrieben hat.

Eine einzelne Person widersetzt sich noch, ist vom amtierenden Bürgermeister Ulrich Haroske zu erfahren. Auch das eine Frage der Zeit. Danach könnten alle Liegenschaften des Ortes im Grundbuchamt braun schraffiert werden. Schon jetzt, so Haroske, lebt die Hälfte der etwa 30 Einwohner in Häusern, die dem selbst ernannten Ortsführer, Sven Krüger, gehören. Seine willige Gefolgschaft, wie es heißt. Ebenso wie die jungen Männer, die für seine Abrissfirma arbeiten. Der altdeutsche Schriftzug auf dem Firmenwagen besagt, hier kommen "die Jungs fürs Grobe".

Gestern haben die "Jungs" also Besuch vom Innenaussschuss bekommen. Sie haben ihn und seine Gefolgschaft erwartet. Schließlich wurde der Ortstermin in der Zeitung angekündigt. Unter einem provisorischen Dach stehen sie zusammengepfercht und erklären, dass sie sich das Interesse der Parlamentarier und des Ministers gar nicht erklären können. Schon gar nicht das der Polizei, schließlich handele es sich um ehrenwerte Leute, die in dem abgelegenen Flecken einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Die braunen Brandschatzungen, alles erstunken und erlogen. Die Polizeiberichte, rechtskräftige Verurteilungen, erneute Ermittlungsverfahren besagen aber etwas anderes.

Lebte Bürgermeister Fritz Kalf (SPD) noch, der könnte von eineinhalb Jahrzehnten Kampf gegen die braune Sippe erzählen. Einen Kampf, den er weitgehend allein geführt hat. Den Innenausschuss hier zu erleben war ihm nicht vergönnt. Dessen Vorsitzender Norbert Nieszery (SPD) müht sich, die demokratische Zustandsbeschreibung von Jamel nicht auf ein "zu spät" festzusetzen. Man werde den Ort nicht aus den Augen verlieren und wiederkommen, sagt er.

Jamel ist längst nicht der einzige Flecken im Nordosten, wo Rechtsradikale den Rechtsstaat gern vor die Tür setzen würden. Innenminister Caffier spricht von einer permanenten Gegenwehr. Doch die sei nicht nur Sache der Polizei und anderer Staatsorgane, sondern erfordere auch die Zivilcourage der Bürger vor Ort. Ungeachtet dessen versteht er seine Anwesenheit hier als Signal an solche Kräfte, die den Fall von Jamel als Ermunterung verstehen könnten. "Das lassen wir nicht durchgehen, dass das klar ist", resümiert er.

Innenausschussmitglied Michael Andrejewski (NPD) sagte öffentlich dazu wenig. Den "Jungs fürs Grobe" habe er ein Wiederkommen zugesichert, um sich ein unverfälschtes Bild von der Lage in Jamel zu machen, ohne das "Tribunal" der Öffentlichkeit. Vielleicht hat sich bis dahin in der Gemeinde Gägelow, zu der Jabel gehört, dann ein Demokrat gefunden, der Bürgermeister werden will und Paroli bieten kann.

Nordkurier

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