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Der Albtraum von Jamel geht weiter

Niedergebrannte Häuser, vertriebene Familien. Ein Dorf bei Wismar ist in der Hand von Neonazis. Fester denn je.

05.12.2006

Jamel (OZ). Der Albtraum kommt immer wieder. Schon seit Jahren. Und er hat einen Namen: Jamel.

Dieser winziger Ortsteil von Gägelow bei Wismar. Dieser schmale Weg in die Senke, wo still der schlammfarbene See ruht. Vorbei am Ortsschild, das einmal ein Hakenkreuz zierte. Nein, es ist natürlich nicht mehr da. . . der Ort, ist er nicht friedlich?

Aufwachen! Das ist die Realität: "Vorsicht, Schußwaffengebrauch. Der Kommandant." Das andere Schild. Es ist noch da. Vor dem Haus des selbsternannten Ortsführers natürlich. Neonazi Sven K. (30). Auch er ist noch da. Und seine Freunde. Sonst - fast keiner mehr. Der Grund für die gespenstische Ruhe, die in Jamel eingezogen scheint.

Isolde K. (Name geändert), ist die letzte "Normale" im Dorf. Sagt sie selbst. "Wo kann man hier noch hingehen, ohne bedroht zu werden?", fragte sie neulich ein Fremder. Ihre Antwort: "Nirgends." Sie zeigt auf das Haus von Sven K., da wohnt er. In einem anderen hat er seine Abbruchfirma, im Vorgarten den Schuttcontainer. Das Haus gegenüber: "Da wohnt sein Freund. Das Haus dahinten: "Auch ein Freund von ihm." Ein alte Dame verkaufte jetzt ihr Grundstück. Weggezogen. Wie so viele.

Immer wieder wurden in Jamel Zugezogene eingeschüchtert, zusammengeschlagen, ihre Häuser angezündet. Manche verloren ihr Vermögen, leiden bis heute unter psychischen Folgen. Bernd B., damals Angestellter der Regierung in Schwerin, lebt heute in Lüneburg (Niedersachsen). "Im Jahr 2000 habe ich das 200 Jahre alte Gutshaus von Jamel gekauft." 2001 wurde er vertrieben. Bis heute traut er sich nicht zurück. "Ich habe Angst."

Niemand half Bernd B. Er rief die Polizei, schrieb an den Innenminister. Schließlich gab er das Eigentum an das Land ab. "Ich wollte es nicht verantworten, selbst als Verkäufer aufzutreten." Inzwischen ist das Gutshaus versteigert worden; für Bernd B. unglaublich. Im September erwarb es eine Firma bei einer Auktion in Rostock für 18 000 Euro. Über den neuen Besitzer ist nur ein Fakt bekannt: Vorige Woche rief er die Polizei.

Hauptkommissar Klaus Wiechmann (44) von der Polizeidirektion Schwerin: "Die Person hatte den Eindruck, sie könnte möglicherweise bedroht werden." Geht nun alles von vorne los? Die Polizei sieht dafür keine Anhaltspunkte. In Jamel, so Wiechmann, gebe es "im Moment keine strafrechtlich relevanten Besonderheiten."

Wie man's nimmt: Vor vier Wochen erst wurde Urlauber Gerd W. (38) aus Schönberg verjagt. Er wollte ein Haus fotografieren.

"Ich bin sehr besorgt", meint Bürgermeister Ulrich Haroske (43, parteilos), der das Amt nach dem Tod seines engagierten Vorgängers Fritz Kalf (73) übernommen hat. Er hofft auf ein neues Baugebiet in Jamel. "Es wäre doch ein Trauerspiel, wenn man einen ganzen Ortsteil als aufgegeben betrachten müsste."

Isolde K. winkt ab. "Den Bürgermeister hab' ich hier noch nie gesehen." Sonst hätte er vielleicht die mehrere Meter breite Feuerstelle bemerkt, auf der Sven K. jede Woche einmal alles verbrennt, was er nicht brauchen kann. Oder es wäre ihm aufgefallen, dass seit rund einem Monat die Straßenbeleuchtung nicht mehr funktioniert. Ganz abgesehen von den wiederholten nächtlichen Ruhestörungen. Isolde K. hat resigniert. "Die Polizei rufen bringt nichts. "

Was bleibt, ist ihre Angst. "Fragen Sie mich nichts mehr", bittet sie. "Ich möcht' noch länger leben." Der Albtraum geht weiter.

MARCUS STÖCKLIN

Ostseezeitung

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