Das Lachen, das 1945 erlosch
10.11.2006
Von Angela Stegemann
Pasewalk. Das Mädchen mit den dicken dunklen Haaren, das so schön lachen konnte. Es wurde 1929 in Frankfurt/Main geboren. Als Vierjährige emigrierte es 1933 mit seinen Eltern nach Amsterdam - weil das einzige Vergehen der Familie darin bestand jüdischen Glaubens zu sein. Als die Nazis auch Holland überfielen, versteckte das Mädchen Anne Frank sich mit Hilfe von Freunden in einem Hinterhaus. Zwei Jahre lang, zwischen ihrem 13. und 15. Lebensjahr, schrieb es dort Tagebuch. Kurz vor dem Ende der Naziherrschaft wurde es verraten - und starb noch im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dabei wollte es doch so gern Kunstgeschichte oder Musik studieren.
Die bewegende Geschichte der Anne Frank wird gegenwärtig im Pasewalker Kulturforum Historisches U gezeigt. Manuela Pfensig-Ammon vom Förderverein des Museums knüpfte dafür die nötigen Kontakte zum Anne-Frank-Zentrum in Berlin. Die Wanderausstellung des Anne-Frank-Hauses Amsterdam war bereits in über 50 Ländern der Erde zu sehen.
Die Pasewalker wählten das Eröffnungdatum, den 9. November, ganz bewusst, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Gudrun Baganz. An jenem Tag des Jahres 1938 brannte auch in Pasewalk die Synagoge. "Leider gibt es reichlich Antisemitismus und Fremdenhass bis in die Gegenwart", bedauerte sie. Auch angesichts des Wahlergebnisses der NPD wolle die Stadt Pasewalk mit dieser Ausstellung Zeichen setzen. "Unser Anliegen ist es, dass sich Jung und Alt gemeinsam mit dieser Vergangenheit auseinander setzen", forderte die Frau aus dem Rathaus. Von Arnim Beduhn (CDU), dem stellvertretenden Landrat, gab es ein dickes Lob für die Stadt Pasewalk. "Der Landkreis ist richtig stolz auf seine Kreisstadt, weil sie sich solchen ernsthaften Themen zuwendet", meinte er. Lobenswert sei, dass auch die Schulen des Kreises sich des Themas annehmen. Zur Ausstellungseröffnung waren nicht nur Vertreter des Pasewalker, sondern auch des Löcknitzer Gymnasiums gekommen. Zu den Schülern, die sich spontan für die
Anne-Frank-Ausstellung engagieren, gehören Frenze Geiger (14), Jessica Becker (15) und Rick Schock (16) aus dem Pasewalker Oskar-Picht-Gymnasium. Sie lasen in der Zeitung von der bevorstehenden Ausstellung und beschlossen mitzumachen, nahmen am Begleiterseminar teil. Frenze sagt: "Ich finde es traurig, dass Anne Frank sterben musste, nur weil sie eine andere Religion hatte. Und dass sie noch so kurze Zeit vor dem Ende des Krieges sterben musste". Rick ist beeindruckt von dem was im Tagebuch des jüdischen Mädchens steht. "Man könnte denken das hat ein Erwachsener geschrieben", sagt er anerkennend. Als Anne Frank so alt war wie er, war sie schon tot- ermordet.
Günther Trummer aus Damerow war während der Ausstellungseröffnung sichtlich bewegt. "Ich habe die Nazi-Zeit erlebt. Es macht mich sehr betroffen, dass Vertreter dieser Ideologie heute schon wieder auftreten. Toleranz und Demokratie haben auch eine Grenze", legte er seine Meinung dar. In bewegender Weise schilderte Thomas Heppener, Direktor des Anne-Frank-Zentrums Berlin und Deutschlandbeauftragter des Hauses in Amsterdam, das Leben der Anne Frank. "Das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Religionen ist eine Aufgabe, die lebenslang gelernt werden muss", forderte er. Eigentlich müssten sechs Millionen Geschichten erzählt werden, jeder hätte es verdient.
Das Bemühen der Stadt Pasewalk sich mit ihrer Geschichte auseinander zu setzen, drang auch bis Berlin. Thomas Heppener lobte, dass junge Leute sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen und dass die Pasewalker die Aktion Stolpersteine, die an ermordete jüdische Mitmenschen erinnert, ins Leben riefen. Dr. Egon Krüger vom Museumsförderverein versicherte, dass 2007 sieben weitere Stolpersteine folgen. Die Ausstellung kann bis zum 30. November dienstags bis donnerstags zwischen 10 und 17 Uhr besucht werden. Gruppen werden gebeten, sich vorher unter der Telefonnummer 03973 229400 anzumelden.
Nordkurier-Pasewalk
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