Wer, wenn nicht wir?
TempEau-Sänger Jan Plewka über "Mädchen aus Greifswald", Nazis und Romantik
23.09.2006
Auf ihrem Album "Kein Weg zurück" beschreibt die Hamburger Rockband TempEau ein "Mädchen aus Greifswald", das vor einer Schule Flugblätter verteilt, auf denen die Auschwitz-Lüge verbreitet wird. Hendrik Steinkuhl sprach mit TempEau-Sänger Jan Plewka über den Rocksong, Nazis und Sarah Kuttners romantische Gefühle. Wie sind Sie darauf gekommen, den Song "Mädchen aus Greifswald" zu schreiben?
Plewka: Ich habe vor fünf Jahren in der Zeitung einen Artikel über dieses NPD-Mädchen aus Greifswald gelesen. Zu dem Artikel habe ich mir dann einige Notizen gemacht. Ein paar Jahre später war ich in in Ostfriesland und habe erfahren, dass dort eine nationalsozialistische Gruppierung mit Songs von "Ton Steine Scherben" oder den "Ärzten" die Jugend rekrutiert. Dabei sind mir meine Notizen wieder eingefallen, und ich habe den Song "Mädchen aus Greifswald" geschrieben. In diesem Jahr sind wir in Greifswald aufgetreten - und tatsächlich stand dort immer noch das Mädchen vor der Schule und hat Flugblätter verteilt.
Das Auftreten der NPD hat sich gewandelt. Haben Sie bei Ihren Auftritten in Ostdeutschland etwas davon mitbekommen?
Plewka: Ja! Ich weiß, dass die NPD mit ihrer Nationalen Jugendarbeit Kanu-Touren veranstaltet oder Feste, wo alle hingehen, weil es umsonst Bier gibt. Dagegen hätte man viel früher etwas unternehmen sollen. Und leider ist die rechte Musikszene auch sehr gut organisiert. Da gibt es Fahrgemeinschaften, bei denen ein NPD-Mitglied unkommentiert eine CD reinwirft, auf der nur rechte Bands sind. Oder der rechte Nachwuchs verteilt kostenlos CDs an Mitschüler. Die linke Szene hat zwar Compilations wie "Rock gegen Rechts" herausgegeben, aber die wurden dann wahrscheinlich wieder von Lehrern an die Schüler verteilt. So etwas muss aber von unten kommen.
Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Wahlerfolg der NPD in Mecklenburg-Vorpommern gehört haben?
Plewka: Ich war schockiert, obwohl es vorauszusehen war. Die haben dort eine riesige Macht durch diese Mischung aus Einschüchterung und bürgerlichen Festen mit kostenlosem Bienenstich und Kaffee.
Wie haben eigentlich die Greifswalder auf das "Mädchen aus Greifswald" reagiert?
Plewka: Als wir in Greifswald aufgetreten sind, haben schon einige Leute gefragt, warum wir ihre Stadt als braunen Hort darstellen. Dann habe ich erzählt, dass ich das Lied schon vor einigen Jahren geschrieben habe und wie die Situation damals war. Das haben sie verstanden.
Auf dem Album heißt es in "Mädchen aus Greifswald": "Sie wartet vor den Toren/ der Schulen in Greifswald" Auf einem Konzert habe ich Sie nur: "/der Schulen - überall" singen hören. Warum?
Plewka: Weil es das Problem einfach überall gibt. Auch in Westdeutschland, in Delmenhorst soll ja zum Beispiel eine Nazi-Schule entstehen.
Nach einem Auftritt mit "Mädchen aus Greifswald" bei "Sarah Kuttner" schienen Sie sehr irritiert zu sein, weil Sarah Kuttner sagte, das Lied löse bei ihr "romantische Gefühle" aus.
Plewka: Ich war auch irritiert. Wir sollten eigentlich die Ballade "Vorbei" spielen. Dann haben wir uns auf "Mädchen aus Greifswald" geeinigt, und Sarah hat trotzdem "Vorbei" angekündigt, als ich schon die ersten Akkorde spielte. Und ich war einfach verdattert, dass man dieses Lied als romantisch bezeichnen kann. Ich war total perplex und musste irgendwas dazu sagen, dass das ein Lied über das traurige Abrutschen in die rechte Szene ist.
Würde das Lied auch als "Junge aus Greifswald" funktionieren?
Plewka. Nein, das ist ja das Gemeine, dass da ein Mädchen vor den Schulhöfen steht und braune Lügen verbreitet. Besonders, wenn man weiß, wie sehr die Mädchen von der Nationalen Jugend ausgebeutet werden und wie rückständig das Frauenbild der NPD ist.
Sie treten auch solo mit Rio-Reiser-Liederabenden auf. Welches Lied von Rio Reiser würden Sie einem Neo-Nazi vorsingen? Plewka: (Überlegt) "Wann" von der Platte "Blinder Passagier". (Singt) Und doch fragt mich jeder neue Tag, auf welcher Seite ich steh/ Und ich schaff's einfach nicht, einfach zuzusehen, wie alles den Berg runtergeht/ Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?/ Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir? Es ist ein Lied, das dazu auffordert, aus dem Kreislauf auszubrechen - aber mit Liebe, nicht mit Hass.
Die Gruppe TempEau ist heute ab 20 Uhr im Rahmen des Reeperbahnfestivals im Knust in Hamburg zu erleben.
Schweriner Volkszeitung
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