Darf man Nazis interviewen?
Der Politologe Hajo Funke über den Umgang mit der NPD in den Medien
20.09.2006
ND: Wie schwer es ist, den richtigen Umgang mit Rechtsextremisten zu finden, zeigten die Interviewrunden nach den Wahlen, bei denen in Schwerin auch der NPD-Spitzenkandidat Udo Pastörs dabei war. Die Journalisten befragten ihn aggressiver, schnitten ihm das Wort ab und führten ihn als Neonazi vor. Eine sinnvolle Strategie?
Funke: Man muss korrekt sein. Wenn eine Geschäftsordnung verlangt, dass jemand Antragsrecht hat, dann wird ihm das gewährt. Wenn jemand in eine Runde eingeladen wird, dann müssen analoge Fragen gestellt werden. Ich plädiere für einen nüchternen, aber bewussten Umgang. Bewusst heißt, dass man bei der zweiten Frage auf das spezifische Problem der NPD zu sprechen kommt: Sie ist eine neo-nationalsozialistische Partei. Aber nicht notwendig bei der ersten.
Könnte Ungleichbehandlung in den Medien nicht auch Solidarisierung bewirken?
Diese Gefahr halte ich für nicht so erheblich. Ich gehe mit Rechtsextremen so um, dass ich ihnen zuhöre und auf sie eingehe, dann aber loslege mit meinen Einschätzungen.
Wie weit lassen Sie sich damit auf ihre Themen ein?
Ich nehme rechtsextreme nicht als gleichberechtigte Parteien an, sondern versuche, sie auch auszugrenzen. Ich setze sie deshalb nicht auf ein Podium. Aber ich verhalte mich korrekt. Im Gerichtsverfahren um David Irvings Holocaust-Leugnung zum Beispiel habe ich ihn immer begrüßt, ihm die Hand gegeben und das Gespräch nicht verweigert. Dann habe ich aber stets auf das Menschenfeindliche seiner Äußerungen verwiesen.
Hätte man die Wahlrunden ohne die NPD machen können?
Man lädt die ein, die in den Landtag kommen. Da kann man niemanden ausladen.
Was halten Sie von der Strategie, der NPD Inkompetenz in Sachfragen nachzuweisen?
Ich würde beides tun. Nur die Sachthemen zu diskutieren, reicht aber nicht. Die Sache ist die politische Zerstörungsstrategie dieser Partei. Viertes Reich, völkische Volksgemeinschaft, Ausschluss von Fremden, Antisemitismus - das ist der Kern der Partei. Sie ernstzunehmen heißt über Hitler reden.
Andererseits: Jeder weiß, dass die NPD eine rechtsextreme Partei ist und gewählt wird sie trotzdem.
Man kann immer noch Neues sagen. Zuweilen weiß man weder genug über Hitler noch über die NPD noch über die Demokratie. Ein nicht-arrogantes Auftreten auch gegenüber der Wahlbevölkerung schließt ein, dass man Dinge, von denen man glaubt, dass sie klar sind, immer wieder anspricht. Genauso darf man die sozialen Nöte nicht vernachlässigen. Wenn man sich als demokratische Partei am Gemeinwohl versündigt, dann liegt ein Defizit in der demokratisch-politischen Kultur vor. Und dies ist es, wovon die NPD profitiert.
Hätten die anderen Politiker in den Wahlrunden offensiver gegenüber Pastörs auftreten müssen?
Das hätten sie früher machen müssen, statt das Problem so lange zu ignorieren und sich schließlich nur unzureichend abzugrenzen.
Was würden Sie Medien für den Umgang mit NPD-Fraktionen in Landtagen empfehlen?
Sie müssen diese Partei als das profilieren, was sie ist: hoch destruktiv, autoritär-aggressiv, zur Gewalt bereit. Dafür muss man natürlich auch ein Stück weit ihre Begriffe zitieren und erklären. So lange das Profil der NPD öffentlich nicht kommuniziert ist, muss man das als aufklärendes Medium machen.
Fragen: Ines Wallrodt
Neues Deutschland
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