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Nazi-Opfern ein Gesicht geben
Dokumentation im Külzhaus soll Gegenpol zu umstrittener Breker-Schau sein
02.09.2006
Schwerin (Von Mathias Gröckel ) • "11 000 jüdische Kinder - mit der Reichsbahn in den Tod". Ein Teil dieser bundesweit und in Frankreich viel diskutierten Dokumentation über Deportationen in die NS-Vernichtungslager ist seit gestern im Külzhaus zu sehen. Die Mitveranstalter vom Schweriner Jugendring wollen damit auch einen Kontrapunkt zur Arno-Breker-Schau im Schleswig-Holstein-Haus setzen: Während es dort an einer kritischen Betrachtung des Lieblingsbildhauers von Adolf Hitler fehle, stünden im Jugendhaus die Opfer der Nazis im Mittelpunkt. Karlsruhe, im September 1940: Stolz berichtet Ingrid Billigheimer in einem Brief an Bekannte in Zürich, dass es bald Zeugnisse geben würde - und sie zehn Einsen und fünf Zweien habe. Doch das freudig erwartete Zeugnis erhält Ingrid nicht mehr: Am 22. Oktober 1940 deportieren die Nazis das jüdische Mädchen, ihre ein Jahr jüngere Schwester Hannelore und die Eltern zunächst nach Frankreich. In Viehwaggons der Deutschen Reichsbahn gepfercht, geht es für die Mutter, Ingrid und Hannelore nach Auschwitz weiter. Dort, auf der berüchtigten Rampe, "selektieren" die SS-Schergen von 1000 Deportierten zwei Männer und 78 Frauen zur Arbeit aus, alle anderen schicken sie sofort ins Gas. Darunter auch Mutter Billigheimer und ihre Töchter.
Reichsbahn profitierte von den Deportationen
Ingrid Billigheimer war eines von europaweit insgesamt 1,5 Millionen in NS-Vernichtungslager deportierter Kinder. An deren Schicksal erinnert eine gestern im Külzhaus eröffnete Ausstellung. Unter dem Titel "11000 jüdische Kinder - mit der Reichsbahn in den Tod" haben die bekannten französischen Publizisten Beate und Serge Klarsfeld die kurzen Lebenswege der von deutschen Besatzern in Frankreich verhafteten jüdischen Kinder skizziert. Darunter auch von 600 Opfern, die zuvor mit ihren Eltern aus Deutschland geflohen waren. In Schwerin sind knapp 200 Privatfotos zu sehen, werden 150 Biographien nachgezeichnet sowie die sehr profitable Verstrickung der Reichsbahn in den industriellen Massenmord thematisiert.
"Mit dieser Ausstellung wollen wir auch einen Gegenpol zu der wegen fehlender kritischer Einordnung umstrittenen Arno-Breker-Ausstellung setzen", sagt Stephan Thiemann vom Vorstand des Schweriner Jugendring e.V., der die Schau gemeinsam mit dem VVN/BdA Schwerin (Verfolgte des Naziregimes/Bund der Antifaschist/ innen) organisiert hat. Während im Schleswig-Holstein-Haus den NS-Staat verherrlichende Kunst ungefiltert gezeigt werde, erhielten im Külzhaus die Opfer des Nazi-Terrors ein Gesicht. "Es wäre gut, wenn im Schleswig-Holstein-Haus auf unsere Ausstellung verwiesen wird", forderte Thiemann.
Schirmherr der Schau im Külzhaus ist der stellvertretende Ministerpräsident Wolfgang Methling. Er sieht die Notwendigkeit, sich an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern, angesichts der jüngsten Prognosen für die Landtagswahl am 17. September bestätigt: "Der Einzug der Neofaschisten in den Schweriner Landtag droht." Das müssten alle Demokraten in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam verhindern, indem sie ihre Stimme für Parteien abgeben, die - anders als die NPD - keine menschenverachtenden Ziele verfolgten, betonte Wolfgang Methling.
Schweriner Volkszeitung-Schwerin
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