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Wo braune Träume wahr werden

Bürger der mecklenburgischen Kleinstadt Lübtheen leben mit führenden Neonazis in "guter Nachbarschaft"

06.06.2006

Von unserer Redakteurin Christine Kröger

LÜBTHEEN. Im kleinen Städtchen Lübtheen, das kaum jemand kennt, scheint die Welt noch in Ordnung. In Ordnung jedenfalls für Menschen mit rechter Gesinnung. Nur einen Steinwurf hinter der niedersächsischen Grenze haben sich führende Neonazis im mecklenburgischen Landkreis Ludwigslust eingenistet. Viele Einheimische haben sich längst mit den braunen Nachbarn arrangiert, wenn nicht gar angefreundet - am Stammtisch, in Elternräten und in Bürgerinitiativen.

Die Sonne strahlt an diesem Morgen, die dunklen grauen Wolken, die am Vortag noch Sturm und Schauer brachten, sind wie weiß gewienert. Blitzblank sind auch die meisten Vorgärten, Bürgersteige und Straßen. Roter Backstein dominiert das aufgeräumte 5000-Seelen-Städtchen, und eine SPD-Bürgermeisterin regiert bei knapper CDU-Mehrheit im Rat.

NPD-Spitzenkandidat verkauft Juwelen

Im Juweliergeschäft an der Einkaufsstraße putzt der Chef persönlich die Fenster. Hinter den Scheiben liegen Uhren und Ketten, Ringe und Armbänder. Kein billiger Ramsch, aber auch nicht unerschwinglich, dezent und mit Geschmack dekoriert. Vorsichtig gießt der Juwelier in seinem weißen Uhrmacherkittel das Putzwasser Richtung Gully. "Moment bitte, ich bin sofort bei Ihnen", begrüßt er die Kunden. Der Mann mit der leisen Stimme und den guten Manieren heißt Udo Pastörs. Er will bei der Wahl am 17. September als NPD-Spitzenkandidat in den Schweriner Landtag einziehen. Ein überzeugter Neonazi, weit gereist, belesen und rhetorisch gewandt, wie es in der rechtsextremen Szene wenige gibt. Er leugne den Holocaust nicht, sagt er, "das ist ja auch verboten". Er könne sich dazu nicht äußern, "solange man diese Dinge nicht einmal wissenschaftlich untersuchen darf". Doch dass er Adolf Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß verehrt, daraus macht er gar keinen Hehl. Den bewundere er - "genau wie Alexander Solschenizyn".

Der Kunde steht auf hellem Parkett, über ihm sind alte Deckenbalken stilvoll freigelegt. An den jagdgrün getünchten Wänden stellen schlichte Glasvitrinen antike Wand- und Tischuhren aus. Im Hintergrund klingt leise klassische Musik, Udo Pastörs mag Richard Wagner. Die Uhrmacherwerkstatt ist in den Laden integriert. Alles schick, alles licht und alles offen. Hier politisiert Pastörs nicht offensichtlich, hier muss man ihn schon direkt auf seine Gesinnung ansprechen. Sonst bleibt er dezent und gibt allenfalls den kommunalpolitisch engagierten Bürger, der sich gegen Braunkohleabbau wehrt. Amerikanische Firmen haben ein Auge auf die Gegend rund um Lübtheen geworfen. Griese Gegend, graue Gegend, nennt der Volksmund die Region, weil die kargen Böden den Bauern wenig Ertrag bescheren. Das Faltblatt der Bürgerinitiative "Braunkohle - nein!" liegt griffbereit auf einer Vitrine. Der rechtsextreme Uhrmachermeister ist Gründungsmitglied.

Pommes und Sicherheit

Hinter den Gardinen des Lübtheener "Bistros" verbirgt sich eine schlichte Imbissstube. Der Chef sitzt drinnen noch allein mit seiner Angestellten. Zum Becher Kaffee studiert der große bullige Mann mit dem kahl geschorenen Kopf und den tätowierten Unterarmen die "Bild"-Zeitung. Er sei kein in die Jahre gekommener rechter Skinhead, behauptet der Mann, schaut auf die Tätowierungen und grinst. "Jugendsünden." Rechte Gewalt in Lübtheen? Nein, die gebe es nicht, behauptet der Glatzkopf. Er müsse es wissen, schließlich biete er außer Pommes und Currywurst auch Sicherheit und Ordnung an. Sein Security-Unternehmen bewache "Schützenfeste, Dorfparties und Vergleichbares". Den NPD-Spitzenkandidaten nennt er einen "vernünftigen Mann", der dann und wann auch bei ihm reinschaue. Er sähe Udo Pastörs gerne im Landtag, "damit da mal einer den Mund aufmacht". Die junge Frau, die an diesem Tag den Gästen Pommes, Bratwurst oder Schnitzel serviert, trägt die Jacke einer Marke, die unter rechten Skinheads und Hooligans beliebt ist.

Schulleiter sieht kaum Rechtes

Von rechten Schlägern hat auch Andreas Cordt an seiner Schule nichts bemerkt. Knapp 250 Schüler der Klassen fünf bis zehn büffeln in dem alten roten Backsteingebäude für ihre Haupt- und Realschulabschlüsse. "Fragen Sie mich doch mal, wann wir überhaupt mal eine Schulhofklopperei hatten", fordert der Pädagoge. "Daran kann ich mich nämlich gar nicht erinnern." Seit neun Jahren hat Cordt seinen Posten als Schulleiter, Prügeleien habe es allenfalls drei gegeben. Überhaupt ärgert sich der gebürtige Mecklenburger, dass die neuen Bundesländer als Hochburgen des deutschen Rechtsextremismus gelten. Unter Lübtheens Jugendlichen jedenfalls seien weder Gewalt noch Neonazismus ein Problem, und die erwachsenen Extremisten, "Pastörs, Köster, Theißen und wie sie alle heißen, die stammen doch aus dem Westen".

Stefan Köster ist aus Nordrhein-Westfalen zugezogen und heute Mecklenburg-Vorpommerns NPD-Landesvorsitzender. Er sitzt für die rechtsextreme Partei auch im Kreistag. Wegen gefährlicher Körperverletzung hat ihn das Amtsgericht Itzehoe vor wenigen Wochen zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Mit Frau und Kindern wohnte der 32-Jährige über Pastörs' Schmuckladen, bevor die Familie sich im nahen Paetow ein schmuckes Eigenheim gebaut hat. Auch der NPD-Kreisvorsitzende Andreas Theißen ist kein Einheimischer. Seine Ehefrau ist Tochter eines ehemaligen Wiking-Jugend-Aktivisten aus Niedersachsen. Die Wiking-Jugend verstand sich als Nachfolgeorganisation der Hitler-Jugend und wurde 1994 verboten. Heute ist Theißens Frau mehrfache Mutter und sitzt im Elternrat der örtlichen Grundschule. Gemeinsam mit Stefan Kösters Ehefrau und anderen gleichgesinnten Müttern soll sie auch schon völkische "Mutter-Kind-Treffen" organisiert haben - für Frauen, deren Kinder noch nicht in die Schule müssen.

Schulleiter Cordt räumt ein, dass rechte Parolen rund um Lübtheen "nicht überall auf unfruchtbaren Boden fallen". Im benachbarten Städtchen Neustadt-Glewe haben Regionalschüler in der "U-18-Wahl" eines jugendpolitischen Projektes die NPD zur stärksten Partei gemacht. Er wisse nicht, wie so eine Wahl an seiner Schule ausgegangen wäre, gesteht Cordt, Lübtheen habe bei der "U-18-Wahl" nicht mitgemacht. Einige seiner Schüler hören allerdings "diese rechte Musik" oder meinen, dass es hierzulande den Deutschen zu schlecht und den Ausländern zu gut gehe. "Welchen Ausländern, frage ich dann", berichtet der Schulleiter, "hier lebt ja kaum einer." Lübtheen zählt ganze 30 nicht-deutsche Staatsbürger. Österreicher, Polen, Litauer, Moldawier und Usbeken sind darunter, auch ein Inder, ein Pakistani und ein Vietnamese. Kein Türke oder Schwarzafrikaner hat sich bislang in der Kleinstadt niedergelassen.

Deutschlandfähnchen werben für Döner

Döner und türkische Pizza sind in Lübtheen trotzdem zu haben. Der Inhaber des türkischen Imbiss' lebt nicht in Lübtheen, er fährt täglich heim nach Schwerin. Vor etwa einem Jahr habe er den Laden günstig übernommen, berichtet der Kurde. Betont höflich bedient er seine Kunden, auch den jungen Mann in der Dachdeckerhose. Noch keine 20 Jahre dürfte der alt sein, sein Kopf ist kahl geschoren. Zwei Döner zum Mitnehmen will er haben. Auf seinem Sweatshirt prangen germanische Runen, wie auch viele Rechte sie gerne tragen. Neben der Theke umrahmen zwei Papierfähnchen in Schwarz-Rot-Gold einen Aushang. In diesem Geschäft finde nur deutsches Fleisch Verwendung, ist darauf zu lesen. Kein einziges Mal will der Kurde in dieser Stadt Fremdenfeindlichkeit begegnet sein. Das beteuert er mit leiser Stimme und wendet sich rasch wieder dem Dönerspieß zu.

Einsame Warnerin oben im Rathaus

Bürgermeisterin Ute Lindenau hat viel zu tun. In ihrem Büro ganz oben unter dem Dach des Rathauses türmen sich die Aktenberge. Gar kein Problem, die resolute SPD-Frau hier auch außerhalb üblicher Behördenzeiten anzutreffen. Zielsicher zieht sie eine Handakte aus ihren Papierstapeln. "Rechtsextremismus" steht darauf. Erst sehr spät sei sie aufgewacht, erzählt die gebürtige Lübtheenerin. "Das war in einer SPD-Veranstaltung zur Kommunalwahl 2004", als ihr Pastörs und Köster zum ersten Mal auffielen. Die beiden hätten "einschlägige Fragen" gestellt. "Da ging mir erst auf, wie gefährlich die sind." Ein "richtiger Schock" waren die Bundestagswahlen im Jahr darauf, als die NPD in ihrer Stadt 8,6 Prozent und ihr Kandidat Köster 8,8 Prozent einfuhren. Da war Lübtheen "plötzlich Mecklenburgs rechte Hochburg". Plötzlich? "Vermutlich haben die Neonazis schon lange als nette Nachbarn ihre Parolen geschickt verpackt unter die Leute gebracht", räumt Lindenau ein. Für sie sei das Schlimmste, dass "nicht nur ein paar verirrte junge Leute, sondern auch gestandene Bürger für diese Extremisten gestimmt haben müssen".

Jetzt überlegt sie, wie sie zur Landtagswahl im September Schlimmeres verhindern kann. Rund ein Dutzend Menschen hat sie um sich geschart, die gegen rechts arbeiten wollen. Das Grüppchen überlege allerdings noch, wie und wann es aktiv wird. "Zumal nicht alle ihren Namen hergeben", sagt Ute Lindenau. "Auch wenn das keiner zugibt: Da ist viel Angst im Spiel." Männer wie Köster und Theißen "können schließlich durchaus aggressiv auftreten". Einige Lübtheener bekennen sich auch außerhalb der Wahlkabine zur NPD, glaubt die Bürgermeisterin, andere seien ebenso offen dagegen. Den meisten aber fehle Zivilcourage. Lindenau seufzt: "Genau wie früher", sagt sie und meint die NS-Zeit.

Ein spätes Bier mit offenen Worten

Nach neun Uhr abends ist es nicht einfach, in Lübtheen noch ein frisch gezapftes Bier zu bekommen. Rund zwölf Prozent Arbeitslose sind für hiesige Verhältnisse wenig, doch die Kleinstadt bezahlt dafür mit einer hohen Pendlerquote. Wer jeden Tag mehr als eine Stunde nach Hamburg oder Schwerin und wieder zurück fährt, ist nach Feierabend rechtschaffen müde und geht kaum noch aus. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt dazu häufig das Geld. Wie sagte Udo Pastörs am Vormittag in seinem schicken Juweliergeschäft? Diese griese Gegend, "die stirbt aus". Immerhin spielt der Wirt im Gasthaus des Hotels noch eine weitere Runde Dart mit seinem einzigen Gast, und selbstverständlich zapft er gerne auch noch ein Bier. Auf "den Udo" wollen die beiden Männer um die 40 nichts kommen lassen. "Mal ganz ehrlich, der Mann hat doch meistens Recht." Und für prügelnde Skinheads in Potsdam oder Berlin-Lichtenberg, dafür könne Lübtheens Juwelier doch nichts. Ganz zu schweigen von Berlin-Kreuzberg, "wo Ausländer und linke Chaoten fast täglich noch ganz andere Dinger drehen". Für die beiden gebürtigen Lübtheener jedenfalls gehört der Neonazi in den Landtag. Nicht, dass man hier das letzte Bier auf eine Machtergreifung durch die NPD trinke, beteuert der Gast. "Nein, nein, es geht nur darum, dass im Landtag wenigstens einer den Politikern mal die Meinung sagt." Dann geht er und wünscht noch eine gute Nacht.

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