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Birkenkreuz für Tote der "Cap Arcona"

Seit gestern erinnert in Groß Schwansee ein schlichtes Kreuz an zwei Häftlingsschiffe, die 1945 von Briten in der Lübecker Bucht versenkt wurden.

04.05.2006

Groß Schwansee (OZ) - Die Ostsee plätschert träge an den Strand von Groß Schwansee (Nordwestmecklenburg). Draußen, wo Dunst den Horizont in ein stilles weißes Nichts taucht, ist es passiert. Auf den Tag genau vor 61 Jahren starben hier in der Lübecker Bucht etwa 7000 Männer und Frauen, nachdem britische Bomber die beiden KZ-Häftlingsschiffe "Cap Arcona" und "Thielbeck" beschossen hatten.

Seit gestern erinnert ein Birkenkreuz hinter den Dünen von Groß Schwansee an das Inferno von damals. Daniela Köhnke aus Kalkhorst ist mit ein paar Klassenkameraden zur Einweihung gekommen, Henryka Sadowska, die das KZ Hamburg-Neuengamme überlebte, reiste aus Warschau an. Auch Wanda Zatryb, die im KZ Ravensbrück interniert war, hat mit ihrem Sohn Jacek die lange Reise auf sich genommen. "Wir wollen dabei sein, wenn die Erinnerung an die toten Kameraden endlich einen Platz bekommt", sagt Henryka Sadowska. Es fällt ihr schwer, hier zu sein. Sie will es trotzdem durchstehen.

Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) erklärt: "Keine Zeit kann das Unrecht kleiner machen, das in der Lübecker Bucht begangen worden ist. Menschen wurden auf Schiffen eingesperrt. Eingepfercht verbrannten sie, ertranken in der kalten Ostsee oder wurden, wenn sie sich gerettet glaubten, am Strand ermordet." Danielas Oma hat den Untergang erlebt. Aber sie hat nicht viel erzählt. "Nur, dass viele Leichen an den Strand trieben und wie sie begraben wurden", sagt die 16-Jährige. Es hat überhaupt kaum einer etwas erzählt. All die Jahre nicht. Auch an Danielas Regionalschule ist diese Geschichte bislang kein Thema. Ihre Mitschülerin Juliane Wiegel meint: "Schade. Mich würde schon interessieren, was damals vor unserer eigenen Haustür passiert ist."

Um 14.30 Uhr startet die Royal Air Force an jenem 3. Mai 1945 ihren letzten großen Luftangriff gegen Schiffe in der Ostsee. Mit ihm sollen die Deutschen daran gehindert werden, Truppen nach Norwegen zu verlagern.

In den britischen Gefechtstagebüchern ist notiert: "In einem nur als brillant zu bezeichnenden Angriff zerstörten 9 Flugzeuge des 198. Geschwaders einen 12 000-Tonner und ein 1500 Tonnen Frachtschiff . . . Vom 12 000-Tonner wird berichtet, dass er beim Verlassen vom Bug bis zum Heck brannte . . . Im Hinblick auf die Menschenmassen, die aus ihnen herausquellen und im Hinblick auf die Lage, kann man nur annehmen, dass viele Hunnen die Ostsee heute sehr kalt fanden."

Dass auf den Schiffen Häftlinge sind, die bereits unbeschreibliche Qualen in Konzentrationslagern erlitten haben und auf Befreiung hoffen, ahnen die Piloten nicht. Irgend jemand in der Kommandokette der britischen Flotte hat es versäumt, die Informationen des Roten Kreuzes weiterzugeben, dass sich an Bord der "Cap Arcona" und der "Thielbeck" keine Wehrmachtssoldaten befinden.

Erwin Geschonneck, der später zu den erfolgreichsten DDR-Schauspielern gehört, ist einer der Häftlinge an Bord der "Cap Arcona". Als 39-Jähriger ist er wie seine Mithäftlinge aus dem KZ Neuengamme auf das Schiff verladen worden. Das Lager soll vor dem Eintreffen der Alliierten geräumt sein.

Detlef Garbe, Leiter der Gedenkstätte Neuengamme meint: "Es gibt Hinweise darauf, dass die SS selber plante, die ehemaligen Luxusliner mit den Häftlingen zu versenken." Die Menschen an Bord der "Thielbeck" und der "Cap Arcona" ahnen davon nichts. Völlig entkräftet und halbverrückt vor Hunger, Durst und Angst schaffen es nur wenige, sich nach dem Angriff aus den brennenden Schiffsbäuchen an Deck zu schleppen. Was sich auf der "Cap Arcona" abspielte, schilderte Geschonneck in einem Film über das Unglück so: "Alles schrie. Ich dachte nur, wir müssen nach oben. Ich bin in Panik auf die Freitreppe. Mir gelang es noch. Dann brach die Treppe zusammen. Alle, die noch unten waren, waren verloren. Doch auch die, die oben waren, warteten auf ihr Ende." Tatsächlich beschießen britische Kampfflieger auch die wenigen Rettungsboote, die versuchen an das Ufer zu gelangen. Bis nach Neustadt in Schleswig-Holstein gellen die verzweifelten Schreie der Todgeweihten. Keiner will sie hören. "Da lagen Kutter, die uns hätten helfen können. Aber die halfen nicht. Sie hielten uns alle für Lumpen", erinnerte sich Geschonneck.

Während des Sommers werden Leichen an die Strände der Lübecker Bucht gespült. Historisch gesichert ist inzwischen, dass Überlebende, die sich mit letzter Kraft an Land gerettet haben, dort nicht nur von SS-Männern erschossen werden. Nicht wenige werden auch von fanatischen Einwohnern der Küstenorte erschlagen.

407 Tote werden allein in Groß Schwansee in einem Massengrab verscharrt. Nach dem Krieg wird für sie eine Gedenkstätte errichtet, die allerdings schon Mitte der 50-er Jahre nach Grevesmühlen verlegt wird. Dann wird es still um die Opfer des Massakers.

"Weder in der DDR noch in der Bundesrepublik und auch nicht in Großbritannien wollte man sich der unangenehmen Wahrheit der eigenen Schuld stellen", erklärt Detlef Garbe. Bis heute ist die Verantwortlichkeit der Beteiligten nicht gerichtlich aufgearbeitet worden. "Das macht es so schlimm für die Überlebenden", sagt Jacek Zatryb.

Eine Frau, die am Nachmittag zur Kirche in Kalkhorst schlurft, will davon nichts hören. "Ich habe doch damit nichts zu tun, lassen Sie mich mit dem Zeug in Ruhe."

MANUELA PFOHL

Ostseezeitung

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