Verbindungen mit Rechts
Burschenschaften werden oft nationalistische Ideologien nachgesagt. Alles nur Klischees? Nicht in Greifswald!
30.03.2006
Nur Kenner können die Einladung richtig deuten, die auf den Tischen der Greifswalder Mensa ausliegt, während dort Studenten Mittag essen. Der Flyer wirbt für eine "Metal Feier". Ort: eine alte Villa in der Robert-Blum-Straße. Typografie und Layout sollen zwar Gothic-Fans anlocken, wirken aber mythisch und germanisch.
Zweideutig auch ein Wohnungsangebot. Von einem 20 Quadratmeter-Zimmer für 150 Euro Warmmiete schwärmt die Anzeige auf der AStA-Homepage. Stutzig machen nur Ausstattungsmerkmale: zwei abgetrennte Duschen, Urinal, Party- und Sportraum. Adresse: die alte Villa in der Blum-Straße.
Intensiv versucht die Burschenschaft Rugia mit solchen Angeboten zum Feiern und Wohnen vorrangig Erstsemestler anzuziehen. Bedenklich, da den Greifswalder Burschenschaften Rugia und Makromannia seit geraumer Zeit enge Kontakte ins rechtsextreme Milieu Vorpommerns nachgesagt werden. Als konservativ, chauvinistisch und nationalistisch gelten sie ohnehin.
"Die sind rechts", sagt Bernd Biedermann offen. Er ist Mitglied des Greifswalder Bürgerforums "Freitagsrunde", das sich in der Stadt mit dem Problem Rechtsextremismus beschäftigt. Namen? "Rochow", sagt Biedermann. Damit sind gleich zwei hochkarätige NPD-Kader gemeint. Stefan und Mathias Rochow gehören als ehemalige Studenten in den Kreis der "Alten Herren" der Rugia.
Stefan Rochow stieg in der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) bis zum Bundesvorsitzenden auf, ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und im NPD-Parteivorstand. 2001 zog er von Greifswald nach Gießen und war dort bei der Dresdensia-Rugia aktiv, einem Ableger der Greifswalder Burschenschaft.
Nach ihm war sein jüngerer Bruder Mathias der Rugia besonders verbunden. Der wurde inzwischen zum Bundesgeschäftsführer der JN berufen. Auf ihn ist auch der Internetauftritt der Rugia registriert. Dort lässt sich neben Sinn und Zweck der Mensur auch einiges über das Eintreten für ein "freies und ungeteiltes deutsches Vaterland" nachlesen.
Mathias Rochow ließ unlängst verlauten, dass er seine Verbindung zur NPD, wie auch die seines Bruders Stefan und "anderer" Burschenschafter, für "nicht so problematisch" halte. Dies sei eine "private politische Meinung, die nicht in die Burschenschaft getragen wird".
Aktuell werden Kontakte zur rechten Szene "weitgehend über Lutz Giesen koordiniert", so Günther Hoffmann (Initiative "Bunt statt braun" e. V.). Giesen sei in Greifswald vor allem über die "Heimattreue deutsche Jugend" sozialisiert und wohne in der Hansestadt.
Der vorbestrafte, zugezogene Neonazi gilt als Kopf der gesamten Kameradschaftsszene in Vorpommern. Ende 2005 trat er, auch um die rechtsextremen Kräfte zu bündeln, in die NPD ein, ist aber schon länger als Redner auf Parteikundgebungen gern gesehener Gast - egal, ob für den NPD-Wahlkampf oder gegen Hartz IV. Seine "Heimattreue deutsche Jugend" lockt, ähnlich wie der "Heimatbund Pommern", für den Giesen sich gleichfalls engagiert, besonders junge Menschen mit augenscheinlich unverfänglichen Kultur- und Sportangeboten an: Zeltlager, Volkstanz. Dabei wird dann ein bisschen am Geschichtswissen geschraubt.
Das Innenministerium dagegen teilt auf Anfrage nur kurz mit: "Burschenschaften sind kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes in MV."
Jedoch: Zu revisionistisch anmutenden Geschichtsstunden laden Burschenschaftler gern rechte Ideologen ein. Einen Vortrag zur "germanischen Mythologie in Vergangenheit und Gegenwart" veranstalteten unlängst die Makromannen. Die Rugia scheiterte im November 2005 daran, Generalmajor a. D. Gerd Schulze-Rhonhof öffentlich im Audimax vortragen zu lassen. Sein Thema: "Der Krieg, der viele Väter hatte". In seinem jüngsten Buch bestreitet der Hobby-Historiker die alleinige deutsche Kriegsschuld. Die Uni stellte sich gerade noch rechtzeitig quer. Inzwischen gibt es klare Regelungen: "Wenn wir über den Antragsteller getäuscht werden, behalten wir uns vor, die Genehmigung zurückzuziehen", so Uni-Kanzler Thomas Behrens. "Pauschale Verunglimpfungen" gebe es aber nicht, es werde immer einzeln neu entschieden.
Eine generelle Gefahr für kleine Uni-Städte wie Greifswald sieht Politikwissenschafter Prof. Hubertus Buchstein. "Es ist beunruhigend, wenn es Burschenschaften mit rechtsextremen Zielsetzungen gelingt, Studenten zu akquirieren und damit den demokratischen Grundkonsens am Rand zu bedrohen", sagt er. Zwar traut Buchstein den Burschenschaftlern keine große Strategiekompetenz zu, erkennt aber, dass es ihnen gelingt, "über triviale Dinge wie den Wohnungsmarkt in Greifswald Fuß zu fassen und nicht in Großstädten unterzugehen".
Immerhin: In Rostock gibt es keine Burschenschaft, die ähnlich enge Kontakte ins rechtsextreme Lager pflegt. Bislang...
BENJAMIN FISCHER
Ostseezeitung
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