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Die Rede soll Herzen bewegen

Walter Jens über Rhetorik in der Politik und den Umgang mit Nazis

25.03.2006

Der gebürtige Hamburger gilt als einer der letzten großen Intellektuellen der Bundesrepublik - Walter Jens, Literat und Mitglied der "Gruppe 47", streitbarer Demokrat und von 1965 bis 1988 Inhaber des für ihn geschaffenen, bundesweit einzigen Lehrstuhls für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen. In der alten Universitätsstadt sprachen wir mit dem Autor und Rhetor.

Herr Professor, wie definieren Sie Rhetorik?

Jens: Rhetorik ist die Kunst des vernünftigen Redens, die in gleicher Weise die Menschen belehrt, die Menschen entzückt und die Herzen der Menschen in Brand steckt.

Gilt das auch für Politiker?

Jens: Es sollte auch für Politiker gelten. Im Lateinischen gibt es die Formel - docere, delectare und movere, die Herzen bewegen. Das gehört unmittelbar zusammen. Ohne das Eine keines der beiden anderen.

Demokratie und Rhetorik sind Zwillinge, jedenfalls zur selben Zeit geboren. Wie beschreiben Sie das Verhältnis dieser Zwillinge für die heutige Bundesrepublik? Taugt Rhetorik in der Mediengesellschaft?

Jens: Ich glaube, ja. Ich denke, dass es eine Demokratie, die auf sich hält, ohne die Beredsamkeit in ihrer eben beschriebenen Dreifaltigkeit nicht gibt. Freilich hat die Geschichte der Rhetorik in Deutschland keine großen Aufschwünge gehabt. Ich glaube, dass wir auch einige große Redner gehabt haben. Nur sind die oft nicht bekannt genug. Wenn ich zum Beispiel den größten Redner der Weimarer Republik nennen sollte, dann würde ich Paul Levi sagen, der Nachfolger von Rosa Luxemburg, der dieses Humane hatte: ruhig auf die Menschen einzusprechen und sie nicht niederzuknüppeln.

Und im heutigen Bundestag? Seit mehr als 100 Tagen hat Deutschland eine Bundeskanzlerin. Wie bewerten Sie die Rhetorik von Frau Merkel? Manche sprechen davon, sie habe einen neuen Stil entwickelt. Gilt das auch für ihre Rhetorik?

Jens: Ich glaube nicht, dass sie schon einen neuen Stil entwickelt hat. Aber man hatte in weiten Teilen Schlimmes erwartet und sah sich angenehm überrascht. Sie ist eine kluge Frau, und ich finde es gut, dass man merkt, sie kommt - wie auch Platzeck - von den Naturwissenschaften. Sie lässt sich kein X für ein U vormachen. Sie spricht präzise und gedankenscharf. Die deutsche Sprache sollte auch bei ihr noch gewinnen.

An diesem Wochenende finden drei Landtagswahlen statt. In einer auch rhetorischen Bilanz hat der scheidende Parlamentspräsident von Sachsen-Anhalt, Adolf Spotka (CDU), gerade mehr Leidenschaft der Debatten und "faszinierende Schlagabtausche" über grundsätzlichere politische Fragen gefordert. Ist das denkbar?

Jens: Das ist denkbar. Es gehören aber zwei gleichberechtigte Leute dazu. A, der anfängt, muss B das gleiche Recht umfassender Darstellung geben. Es geht nicht, dass nur A spricht und B wenig dazu zu sagen hat. Ich könnte mir solche Rhetorik, vorstellen, auch wenn sie nicht ganz leicht ist. Allerdings leidet die Rhetorik darunter, dass in den Talkshow so rüde abgebrochen wird, wenn einer gerade einen Gedanken entwickelt. Und dann kommt der fünfte viermal dran. Westerwelle spricht immer, und so weiter. so wie es ist, geht es nicht. Da müsste man gleichberechtigt sprechen können.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern finden im Herbst Landtagswahlen statt. Politiker und Wissenschaftler befürchten dort einen möglichen Einzug der NPD in den Schweriner Landtag. Hilft reden?

Jens: Ja, Reden hilft. Reden hilft - freundlich und souverän sagen: Bitteschön, aus den und den Gründen ist das, was ihr sagt, grundfalsch. Nur nicht kneifen. Das ist entsetzlich. Ein bisschen Courage gehört schon dazu. Sie werden natürlich oft als die zahlenmäßig Stärkeren auftreten. Aber auch dann muss man ihnen gekonnt begegnen. Ich habe die beste rhetorische Schule bei meinem Latein-Lehrer durchgemacht, der zu uns sagte: Wir gehen mal das Horst-Wessel-Lied durch. Auf jeden Fall sei Horst Wessel kein bedeutender Autor, und wir sollten doch derartig hingeschluderte Texte genauer überprüfen.

Kann und sollte man auch mit Nazis reden, um sie zu entlarven? Oder nur über sie?

Jens: Man soll mit ihnen reden. Zu Nazis zu sagen, mit denen rede ich eh nicht, wäre Feigheit. Bitteschön, beantworten Sie mir folgende Fragen, und jetzt wollen wir mal Ihre Worte auseinander nehmen. Sie können auch gern meine Worte auseinander nehmen. So könnte es gehen. Jedenfalls wird in einer Demokratie grundsätzlich nicht gekniffen.

Interview: Jürgen Seidel

Unter dem Titel "Walter Jens - Der gute Mensch von Tübingen" ist am heutigen Sonnabend, 25. März 2006, auf Arte ein 45-minütiges Fernsehporträt zu sehen. Beginn ist 17.45 Uhr.

Schweriner Volkszeitung

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