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Dunkle Lücke im Gedächtnis Pommerns

04.12.2005

Von Thoralf Plath

Demmin. Der 13. Februar 1940 markiert ein dunkles Kapitel der pommerschen Geschichte. An diesem Tag, er jährte sich 2005 zum 65. Mal, wurde der größte Teil der noch verbliebenen jüdischen Einwohner Pommerns in ein lebensfeindliches, ghettoartiges Reservat in Ostpolen deportiert, für nahezu alle bedeutete diese Aktion den Weg in einen qualvollen Tod. Nur aus wenigen Briefen sind die grausamen Lebensumstände der Deportierten überliefert, so aus einem Brief der Stettiner Arztgattin Martha Bauchwitz: "Ihr dürft nur Dank beten für euch. Hier ist Bitten kraftlos gegen die Hölle. Wir danken, wenn wieder einer tot ist."

Es war die erste Deportation aus dem so genannten Altreich und markierte faktisch den Beginn der systematischen Judenvernichtung. Keine andere deutsche Provinz galt so früh als offiziell "judenfrei" wie Pommern. Doch kaum jemand weiß etwas davon. Trotz exponierter Stellung am Beginn einer erbarmungslosen Auslöschungspolitik ist dieses Datum, der 13. Februar 1940, weder im regionalen Gedächtnis noch im öffentlichen Erinnern der Bundesrepublik fixiert. Die pommersche Geschichtsschreibung, in der Chronologie der eigenen Vertreibungstragödie auf jedes Detail bedacht zur Deportation der Juden aus Pommern herrscht tiefes Schweigen.

Es war ein vergessenes, treffender wohl umgangenes Thema, dessen sich der Greifswalder Kirchenhistoriker Dr. Irmfried Garbe in dieser Woche in einem Vortrag auf Einladung des Kunst- und Kulturvereins sowie der Gesellschaft für Pommersche Geschichte im Kreisheimatmuseum Demmin annahm. Beschämend, nannte er es, beschämend besonders für die pommersche Historiographie, jahrzehntelang nichts zur Erhellung dieser Geschehnisse getan zu haben. Erst seit etwa zehn Jahren werde zu diesem Thema intensiver geforscht, doch in die öffentliche Wahrnehmung ist es noch längst nicht vorgedrungen. Dieses Vergessen sei nicht nur ein Missstand, es verlängert auch das öffentliche Unrecht an den pommerschen Juden, die seit 1933 misshandelt, schließlich deportiert und überwiegend 1942/43 ausgelöscht wurden. Dieser Zustand des Erinnerungsverlustes muss endlich beendet werden.

Um die mit dem "Testfall Pommern" begonnene, in ihrer systematischen Planung letzthin unfassbare Judenvernichtung durch die Nazis historisch erklärbar zu machen, stellte Irmfried Garbe seinem bewegenden Vortrag "Schläft das Reich" ein Kapitel voran, in dem er die antijüdische Politik Hitlerdeutschlands bis 1939 rekapitulierte. Durch insgesamt über 2000 Gesetze, Verordnungen und Erlasse seien die Juden auch in Pommern allmählich und in kleinen Schritten, aber systematisch gebrandmarkt und entrechtet worden: "Politik der Nadelstiche", nannte der Historiker diese Strategie. "Bei den Betroffenen löste es ein ängstliches Harren und das paradoxe Gefühl der Dankbarkeit aus, wenn die zuständige Verwaltungsbehörde einen winzigen Hoffnungsschimmer für die persönliche Lage gewährte. Bei der deutschen Nachbarschaft stellte sich dagegen eine Art Gewöhnungseffekt ein. Man konnte den einzelnen antijüdischen Bestimmungen wegen ihrer scheinbaren Winzigkeit gelassen, zuweilen auch schadenfroh gegenüberstehen."

Diese frühe antisemitische Politik der Nazis zielte darauf, die Juden zum Auswandern zu zwingen. Sie gipfelte in der so genannten Reichskristallnacht vom 9. zum 10. November 1938. Bei den Juden, die noch in ihrer Heimat verblieben waren, löste es den beabsichtigten "Verunsicherungsschock aus, wie Irmfried Garbe am Demminer Beispiel darstellte: "Im zeitlichen Umfeld des Novemberpogroms verließen auch aus Demmin und Umland fast alle der wenigen noch vorhandenen jüdischen Personen wie etwa Ulrike Hurwitz, Hermann Holz und Hermann Meyer trotz ihres betagten Alters die Region." Auch in Demmin brach der Antisemitismus nun offen aus. Rosa Lewinsky verlor ihr Kurzwarengeschäft, der Kaufmann Arnold Davidsohn seinen Textilwarenladen in der Frauenstraße, er verschwand kurz darauf ohne jede Spur. Davidsohn und Lewinsky waren die letzten jüdischen Geschäftsleute in Demmin.

Wie in anderen vorpommerschen Kleinstädten auch war die Demminer Synagogengemeinde zu dem Zeitpunkt längst zu einem Rest zusammengeschrumpft, ihre Synagoge hatte sie schon im Juni 1938 an die Möbelfabrik Günther verkauft. Notverkäufe von jüdischem Hab und Gut waren jetzt an der Tagesordnung. Die so genannte Arisierung jüdischen Besitzes fand tausende Nutznießer in der deutschen Nachbarschaft. "Dieses Profitieren war einer der handfesten Gründe für die spätere Schutzbehauptung, man habe gar nichts von den Dingen bemerkt", so Dr. Garbe.

Zum Zeitpunkt der ersten Judendeportationen im Februar 1940 von Stettin aus in den polnischen Distrikt Lublin, zu diesem Zeitpunkt noch verharmlosend "Evakuierung" genannt, war das jüdische Leben in Demmin bereits fast erloschen. Die Spur der beiden letzten jüdischen Bewohnerinnen der Stadt, Rosa Lewinski und Greta Davidsohn, verliert sich in diesen finsteren Tagen, um die die pommersche Geschichtsschreibung so lange einen Bogen schlug. Historiker wie Irmfried Garbe, aber auch die Demminerin Erla Vensky, haben begonnen, das zu ändern.

Nordkurier-Demmin

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