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Verhandlung drei Jahre nach Überfall

Vor mehr als drei Jahren wurden in Ueckermünde zwei 16-Jährige von rechten Schlägern überfallen und zusammengeschlagen. Jetzt kommt es zur Verhandlung.

08.10.2005

Ueckermünde (wei). Es ist mehr als drei Jahre her. Da wurden in Ueckermünde zwei 16-Jährige von rechten Schlägern überfallen und zusammengeschlagen. Die Spuren der körperlichen Gewalt sind immer noch zu erkennen: Narben, abgebrochene Zähne. Nicht zu reden davon, wie es in den Seelen der jungen Männer aussieht. Diejenigen, die damals zuschlugen, sind noch immer nicht bestraft. Drei Jahre nach der Tat wurde Anklage erhoben, zwei Verhandlungen abgebrochen. Nun gibt es einen neuen Termin: Am Montag, 10. Oktober, beginnt um 13.30 Uhr die Verhandlung in Pasewalk. Das teilte die Mutter eines der Opfer mit. In einem Brief an Innenminister Gottfried Timm schreiben sie und die Mutter des zweiten verletzten Jungen: Wenn der Staat bei der Verfolgung von Straftaten versagt und eine angemessene, zeitnahe Bestrafung ausbleibt, ist es schwer, Zivilcourage zu zeigen. Sie "läuft ins Leere und Mutlosigkeit macht sich breit".

Ausführlich haben die Mütter ihre Gedanken zur Verantwortung des Staates sowie zum Umgang mit Tätern und Opfern in einem Schreiben an Justizminister Erwin Sellering dargelegt. Da heißt es: " ...kommen auch wir als Mütter nicht zur Ruhe. Das - neben der Brutalität und den angerichteten gesundheitlichen Schäden an unseren Kindern - Verwerfliche ist aber der Umgang der Behörden mit diesem Fall. Es ist aus unserer Sicht geradezu ein Skandal ... Schon die damaligen Ermittlungen verliefen schleppend. Vor der Öffentlichkeit wurde der Überfall verheimlicht. Das Desinteresse der ermittelnden Kollegen trat immer wieder offen zu Tage. Stets mussten wir nach dem Stand der Ermittlungen fragen. Als uns im August 2002 der leitende Kriminalbeamte in Ueckermünde mitteilte, dass ihm die Täter immer noch unbekannt sind, übergaben wir ihm Namen und Adressen. (Wir hatten diese bereits nach zwei Tagen) Die Täter leugneten die Tat nicht. ...

Aber trotz Täterfeststellung ging der Fall nicht weiter. Erst auf Druck der Presse, des Vereins Lobbi e.V. und unserer ständigen Nachfragen ... kam es im Oktober 2003 zur Anklage. Wir erwarteten nun, dass unmittelbar ein Gerichtstermin anberaumt wird. Doch nichts passierte." Aus der Schilderung der Mütter geht hervor, dass wegen Verfahrensfehler und Befangenheitsantrags sowohl die erste Verhandlung im März 2005 als auch die zweite Verhandlung platzten. Der Versuch des Richters, so kurzfristig wie möglich einen neuen Termin anzusetzen, sei an der Verteidigung gescheitert. Selbst dem Einspruch des Anwaltes der Nebenklage, dass es nicht mehr vertretbar sei, die Verhandlung noch weiter hinauszuzögern, sei niemand gefolgt. Die Anhänger der Angeklagten hätten sich wie Sieger aufgeführt und eine Einstellung des Verfahrens befürwortet.

Weiter heißt es wörtlich in dem Brief: "Im ersten Moment packte uns natürlich die Wut über soviel Dreistigkeit und Unverfrorenheit. Aber ist der Gedanke, frei von Emotionen betrachtet, wirklich so weit weg? Wie soll eine Strafe für diese, wenn auch äußerst brutale Tat, nach dreieinhalb Jahren aussehen? Zwei der Täter waren zum Tatzeitpunkt einschlägig vorbestraft, einer ist in der Zwischenzeit Vater geworden. Ihre Einstellung anders Denkenden gegenüber haben sie sicher nicht abgelegt, aber vielleicht (zumindest möchten wir dies bei dem jungen Vater annehmen) ihre Brutalität. Fakt ist, die Opfer tragen, noch heute sichtbar, gesundheitliche Schäden davon. Von den Behörden wurde der Vorfall nicht ernst genommen. Den Tätern hilft die Zeit, die sie dadurch gewonnen haben. ...Die Verschleppung der Strafverfolgung rechtsradikaler Straftäter ermutigt zu weiteren Untaten. Angst verbreitet sich und die geforderte Zivilcourage wird rechtsstaatlich unterlaufen. Heute, wo ich diesen Brief schreibe, gab es gleich zwei Meldungen, die aufhorchen lassen. In Berlin wurde das Familiengrab von Felix Mendelssohn-Bartholdy geschändet und in Cottbus gab es einen Anschlag auf den Theaterpavillon, in dem kürzlich das Stück "Hallo Nazi" Premiere hatte. In Ueckermünde, wo der Angriff auf unsere Kinder stattfand, treibt die Saat ebenfalls Früchte. Die NPD ist stark wie nie.

Gleichwohl sie auf dem Marktplatz menschenverachtende Parolen verkündet, wird sie von über neun Prozent der Bevölkerung gewählt. In dem Stadtteil, in dem die Tat stattfand, von 21 Prozent."

Nordkurier-Ueckermünde

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