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Rechte verstärken ihre Propaganda
11.08.2005
Rechtsradikale drucken auf Usedom eine Zeitung, die in der Region verteilt wird. Viele Leser erkennen nicht den Neonazi-Hintergrund.
Ostvorpommern - Rechte Organisationen gewinnen im Landkreis und in der Region zunehmend an Bedeutung, warnt die Anklamer Initiative "Bunt statt Braun". "Vorpommern ist zu einem Experimentierfeld geworden, wie man in ländlichen Regionen Strukturen entwickeln kann", sagte Günter Hoffmann von "Bunt statt Braun" gestern bei einem Wahlkampftermin der Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth in Anklam. Über ihren Erfolg seien "die Nazis selbst erstaunt", so Hoffmann. Die Region habe mittlerweile Modellcharakter für die rechte Szene im gesamten Bundesgebiet.
In Bansin betreiben rechte Aktivisten eine Druckerei, deren Erzeugnisse in ganz Deutschland vertrieben werden. Mit einer Auflage von 50 000 Exemplaren wird hier auch der "Insel-Bote" produziert, in fünf Regionalausgaben von Stralsund bis Uecker-Randow. Das vierseitige Blatt wird kostenlos an Haushalte verteilt, vor allem in Neubaugebieten.
Über die fatale Wirkung der rechten Propaganda berichtete Christian Sell vom Mobilen Beratungsteam für demokratische Kultur Greifswald. Eine Jugendclubleiterin aus der Region habe in einem Gespräch durchblicken lassen, dass sie gar nichts vom rechtsradikalen Hintergrund des "Insel-Boten" wisse. Sie hielt die Hetzschrift für eine harmlose Gratiszeitung. Welchen Jugendclub die Frau leitet, wollte Sell nicht sagen. Das sei sicher kein Einzelfall, so der Experte. Auf diese Weise erreiche rechte Propaganda Personen, die von eindeutigen Nazi-Symbolen sonst eher abgeschreckt würden.
Zur Nachwuchs-Anwerbung dient der Szene der ebenfalls auf der Insel ansässige eingetragene Verein "Heimatbund Pommern". "Die machen uns am meisten Sorge", sagte Günter Hoffmann. Der Verein betreibe eine intensive Jugendarbeit. Interessenten würden in dieser sich volkstümlich gebenden Organisation gezielt für eine spätere Kaderlaufbahn getestet und anschließend geschult. Mit seiner Vorliebe für Uniformen stehe der Verein bewusst in der Tradition der 1994 verbotenen Neonazi-Gruppe "Wiking-Jugend". Für Christian Sell habe der Heimatbund Aufgaben der früheren DDR-Jugendorgansition FDJ übernommen. Claudia Roth zeigte sich von den düsteren Fakten beeindruckt. "Das war sehr, sehr schwerer Stoff", sagte die Politikerin. weiterlesen
GERALD KLEINE WÖRDEMANN
Ostseezeitung-Usedom
Schulen und Vereine müssen aufklären
11.08.2005
Kommentar
Manchmal tut die Wahrheit weh: Rechte Rattenfänger haben sich in unserer Region ein Netzwerk aufgebaut, um das sie ihre Gesinnungsgenossen in der ganzen Republik beneiden. Euro, Hartz IV, EU-Osterweiterung - geschickt spielen sie mit Themen, die im von Arbeitslosigkeit gebeutelten Ostvorpommern Gehör finden. Wohin die - scheinbar so einfachen - Lösungsvorschläge zielen, erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick: In die Menschen verachtende Zeit von 1933 bis 1945. Allerdings sagen sie es nicht offen. Das zu lüften, ist eine wichtige Aufgabe - vor allem für Schulen und Vereine.
GKW
Ostseezeitung-Usedom
Grünen-Chefin diskutiert über rechte Szene
11.08.2005
Von Anke Brauns
Anklam/Ostvorpommern. "Vielen Dank, das war richtig schwerer Stoff." Claudia Roth, Bundes-Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, war gestern Vormittag nicht in erster Linie in Anklam, um grüne Politik zu verkaufen, sondern um "dazu zu lernen", wie sie sagte. Bevor sie heute Abend bei einer Wahlkampf-Veranstaltung ihrer Partei auf dem Heringsdorfer Platz des Friedens dabei ist, informierte sie sich gestern über die Situation in Sachen Rechtsextremismus in der Region. Ein Thema, mit dem sie bundesweit viel beschäftigt ist und zu dem sie aus Anklam gestern eigentlich nur schlechte Nachrichten mitnehmen konnte.
Günther Hoffmann, der die Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus beim Arbeiter-Samariter-Bund betreut, Piet Oltmanns vom Bündnis "Bunt statt Braun" und Christian Sell vom Mobilen Beratungsteam berichteten über immer stabilere, immer weiter verzweigte rechte Strukturen, über den Mangel an Initiativen und engagierten Leuten, über rechte Parolen und rechte Publikationen, die von vielen Menschen gar nicht mehr als rechtsextrem wahrgenommen werden - zum Teil nicht einmal von Lehrern und Jugendsozialarbeitern. Auch die hiesigen demokratischen Parteien hätten dem kaum etwas entgegen zu setzen. "Da ist so viel Ahnungslosigkeit. Die Verantwortlichen in den Parteien und auch die Basis müssen geschult werden", sagte Hoffmann. Sie seien für einen Wahlkampf gegen die Rechten gar nicht qualifiziert.
Claudia Roth bezeichnete es als "schrecklich", wie wenig Widerstand gegen Rechts es in der Region gebe. "Richtig schlimm" finde sie, dass nicht einmal der stellvertretende Anklamer Bürgermeister wisse, "was da zur NPD beim Bundesverfassungsgericht gelaufen ist". Günther Hoffmann hatte berichtet, dass er gemeinsam mit SPD und PDS im Anklamer Rathaus um Unterstützung gegen die für heute angemeldete Rechten-Demo gebeten, diese aber nicht bekommen habe. Im Gegensatz zu anderen Städten wie Neubrandenburg, Neustrelitz oder Pasewalk, die begriffen hätten, dass man sich in dieser Sache positionieren müsse, spiele Anklam immer noch eine unrühmliche Sonderrolle. Die Stadt wolle sich neutral verhalten, und der stellvertretende Bürgermeister habe zu ihm gesagt, es handle sich bei der NPD doch laut Bundesverfassungsgericht um eine demokratische Partei.
Günther Hoffmann wies auch darauf hin, dass die bundesweit für die Jugendsozialarbeit entwickelten Konzepte nicht tauglich seien für den ländlichen Raum, da müssten spezielle Konzepte erarbeitet werden. Claudia Roth will sich deshalb dafür einsetzen, dass die Rechtsextremismus-Kommission der Grünen Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres nach Mecklenburg-Vorpommern kommt und sich mit dem Thema befasst.
Nordkurier-Anklam
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