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Kriegsgefangene widersetzten sich Evakuierung

23.04.2005

In Neubrandenburg-Fünfeichen waren zwei große Kriegsgefangenenlager, das Stammlager II A (Stalag n A) und ab 1944 das Offizierslager-67 (Oflag 67). Zum Zeitpunkt des Kriegsendes befanden sich mehrere tausend Kriegsgefangene in den Lagern. Nach einer Meldung vom Mai 1945 etwa 15 000, u. a. mehr als 1300 holländische Offiziere, unter ihnen auch Generale. Ein Franzose, als Lagerdolmetscher tätig, schrieb: "Eine Sache ist sicher. Die Kommandantur hatte versucht, das Stalag auch räumen zu lassen, doch die Vertrauensmänner der verschiedenen Nationalitäten haben die Räumung energisch verweigert."

J. H. Harris aus den USA berichtete: "Wir hörten damals Gerüchte, die besagten, dass wenn die Russen zu uns kämen, wir nach Sibirien verschleppt und von dort evtl. nach Haus geschickt werden würden. Mac Kenzie (ein Engläner, D. K.) machte sich ernsthaft Sorgen darüber. Er sagte, er sei seit fünfeinhalb Jahren Gefangener und er hätte Angst, er würde noch länger in Gefangenschaft gehalten werden, wenn die Russen kämen. Deshalb wollte er aus dem Stalag ausbrechen. Wir sprachen mit Willy (ein deutscher Wachmann, D. K.) darüber und er meinte, er könne uns mit einer Arbeitskolonne in die Stadt bringen lassen und unsere Flucht einen oder zwei Tage decken. Aber er meinte auch, dass wir sicherer seien, wo wir waren, da sich die Amerikaner und Briten von Westen und die Russen von Osten näherten ... Er sagte auch, die Gerüchte seien nicht wahr. Er riet uns, im Lager zu bleiben und ich bin froh, dass wir uns daran gehalten haben." Die Einstimmigkeit bleibt vollkommen: Franzosen, Italiener, Engländer, Amerikaner und Belgier, alle wollen bleiben.

Am 27. April wurden auf den Dächern der Krankenbaracken große rote Kreuze aufgemalt. Da die vorhandenen Luftschutzsplittergräben nicht ausreichten, wurden unter Leitung eines belgischen Pionieroffiziers und eines französischen Hauptmanns weitere Zick-Zack-Gräben ausgehoben. An den Ecken des Lazarettgeländes erfolgte die Aufstellung von Masten mit Rot-Kreuz-Fahnen. Loison ging noch am 27. April in das Stalag. Schaufeln waren zum Grabenanlegen zu holen. "Im Stalag ist eine starke Erregung" schrieb er. "Zahlreiche Frauen, auch deutsche, stehen draußen vor dem Drahtzaun, dahinter die Gefangenen, die sie kennen. Kleine Geschenke werden über den Zaun geworfen. Die Wache reagiert nicht mehr! Und was für ein Lärm im ganzen Stalag!"

In der Nacht vom 25./26. April wurden über dem Lagergelände Fünfeichen durch alliierte Flugzeuge Behälter mit Sanitätsmaterial und Medikamenten abgeworfen. Loison schrieb u. a.: "Wir haben auch Flugblätter gefunden, oben sieht man die Wappen der Alliierten, unten Churchills, Roosevelts und Stalins Unterschriften. Dazwischen eine Meldung über die Verantwortlichkeit jedes Deutschen, der über Kriegsgefangene Macht hat. Befehle seien keine Entschuldigung. Jede Misshandlung würde streng bestraft werden.

Über das erste Zusammentreffen mit den Soldaten der Roten Armee schrieb der Verfasser "Um 0.40 Uhr macht ein russischer Panzer vor dem Tor des Lazaretts halt (heute: Gebäudeteile der Fünfeichener Kaserne im Abschnitt Kasernenzugang in Richtung Bargensdorf). Hauptmann Markowski steht dort mit Dr. Hartmann. Markowski, verwirrt, spricht auf deutsch die Soldaten des Panzers an, die sofort einen Feuerstoß abgeben. Zum Glück treffen sie niemanden. Der gefangene Leutnant der Roten Armee, Prokopenko, klärt das Missverständnis auf. Zwei russische Soldaten steigen aus dem Panzer. Die Maschinenpistolen in Anschlag, gehen sie in das Lazarett ... Ein polnischer Sanitäter führt sie ... Bald kommt ein zweiter Panzer an ... Nach einigen Minuten eine ganze Panzerkolonne. Sie hält. Wieder muss parlamentiert werden. Chefarzt Dr. Hartmann kann kaum noch von seiner Familie Abschied nehmen. Er verschwindet im Bauch eines Panzers.

Über die Ereignisse im Stalag zu diesem Zeitpunkt berichtete der Verfasser weiter: "Die Panzer erreichten das Stalag um 0.10 Uhr. Eine deutsche Lagerwache gab es nicht mehr ... Die Gefangenen sprangen aus den Luftschutzgräben, die längs des Lagerzaunes angelegt waren. Sie schrien: 'Towarisch - Towarisch'. Ein Panzer zerstörte den Lagerzaun. Man kann sich die Begeisterung der Gefangenen vorstellen! Etwa um halb eins kommt ein russischer Offizier an."

Vermutlich am 2. Mai verließen Loison und andere Franzosen das Lazarett, um nach Neubrandenburg zu gehen. Das Lazarett wurde von Soldaten der Roten Armee bewacht. "Da die Posten analphabetisch aussahen, hatten wir eine bequeme Lösung gefunden: Den unentbehrlichen Ausweis machten wir selbst ... Die Hauptsache war der Stempel mit fetter Tinte. Dazu diente eine geschnitzte Kartoffel."

Der Amerikaner J. H. Harris schrieb: "Nachdem wir die Freiheit erhalten hatten, wurden die Amerikaner und die anderen in die deutsche Offizierskaserne verlegt, schönes Backsteingebäude nicht weit von Stalag entfernt. Die Russen sagten uns, sie könnten uns nichts zu essen geben, aber falls wir in der Gegend irgendetwas Essbares fänden, sollten wir es uns nehmen. Viele von uns waren in schlechtem gesundheitlichem Zustand. Ich sah Männer verhungern, die ein Stück Brot umklammerten, das sie nicht mehr essen konnten.

An einem Tag beschlossen Mac und ich, nach Neubrandenburg zu gehen. Das war ein Fehler. Auf der ganzen Strecke war Kriegsgerät verstreut. In einem ausgebrannten Wagen lagen noch die toten Zivilisten ... Die Zerstörungen in Neubrandenburg waren unglaublich. Den Gestank der in den Trümmern zurückgelassenen, verbrannten Toten werde ich nie vergessen. Auf dem Bahnhof lagen tote deutsche Soldaten, deren Körper so stark verbrannt waren, dass das Fleisch aufgeplatzt war. Bald nach unserem Gang nach Neubrandenburg erkrankte ich an akutem Rheumatismus und konnte überhaupt nicht mehr gehen. Ungefähr zwei Wochen später kamen die Amerikaner mit Lkw und Krankenwagen. Die Mediziner entlausten uns, gaben uns saubere Kleidung und brachten uns in ein Feldevakuierungslazarett. Ich blieb dort mehrere Tage. Von dort brachte man uns in ein großes Lazarett in Paris."

Mein Dank im Interesse der regionalen Geschichtsforschung gilt den Kriegskameraden der verschiedensten Nationen. Ich hatte die Ehre, sie als Gastgeber begrüßen zu dürfen. Es seien hier genannt die Kameraden: Barrault (Frankreich), Blochlinger (USA), Harris (USA), Loison (Frankreich), Viaaqna (Italien), Wassernaar (Niederlande).

Leider hat noch niemals ein ehemaliger polnischer und sowjetischer Kriegsgefangener Fünfeichen besucht. 1988 erhielt ich vom Zentralarchiv in Moskau die Auskunft: "Wir wissen nichts, wir haben nichts, es lebt vermutlich keiner mehr." Heute wissen wir: In Podobk, 40 km südlich von Moskau, lagern in einem Archiv des KGB die Fünfeichener Lagerakten.

Nordkurier-Neubrandenburg

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