2000 Gründe, stolz auf Vorpommern zu sein!
Vorpommern ist kein Ort für Neonazis! Das demonstrierten Sonnabend mehr als 2000 Bürger aus Pasewalk und Viereck zusammen mit ihren Mitstreitern aus der ganzen Bundesrepublik und aus Polen. Auf einer viereinhalb Kilometer langen Meile und dem Stadtfest warben sie für Weltoffenheit und für Demokratie.
13.08.2012
Der Strom will einfach nicht abreißen Sonnabend gegen 12 Uhr. Entlang der Torgelower Straße spazieren Alt neben Jung, Fußgänger neben Radfahrern, Jugendgruppen der Kirche neben Linken und Punks. Unter den Spaziergängern Lokal- und Landespolitiker. Greifswalds Oberbürgermeister Arthur König ist zu sehen, Anklams Bürgermeister Michael Galander. Gekommen sind Hendrik Sommer aus Prenzlau und Norbert Raulin aus Strasburg. Vor Ort die Landtagspräsidentin, ein Minister, die Landrätin. Oftmals bleiben sie unerkannt, Bürger neben Bürgern.
Holger Hoffmann, ein Hamburger und vor Tagen Teilnehmer der "Tour de Natur", die auch in Pasewalk Station gemacht hat, zählt zu den Weitgereisten an diesem Tag. "Ich habe von dem Pressefest der Rechten und den geplanten Protesten während der Tour de Natur in Pasewalk erfahren. Für mich stand fest, dass ich dabei sein werde", berichtet der Hamburger. Auf seinem Rad führt er alle Gerätschaften mit, um Buttons - Anstecker - zu prägen. Anti-Kriegs-Buttons ebenso wie Anti-Atom und natürlich Anti-Nazi-Buttons! "Die Einnahmen sind nicht für mich, ich finanziere mit dem Geld in Afrika Quelleneinfassungen. 250 Euro reichen für eine Quelle aus", erzählt er.
Meter weiter Jennyfer Kliewe. Sie hat es sich zusammen mit weiteren Mädchen und Jungen am Radweg bequem gemacht. Alle gehören zur Jungen Gemeinde Pasewalk. "Wir wollen deutlich machen, dass wir die Rechtsextremen hier einfach nicht haben wollen", sagt sie. Viele andere werden das an diesem Tag so wiederholen. "Es geht darum, ein Zeichen zu setzen." Die Kirche ist gerade in der Musik immer wieder Ziel der Rechtsextremen. Am Freitag, Stunden vor dem Marsch, haben das viele in St. Marien in dem Film "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" sehen können. Jetzt wehren sie sich auf ihre Art - mit Präsenz.
"Geil, einfach nur geil"
Angesprochen auf seine Eindrücke formuliert Gregor Kochhan, Greifswald, vorerst nur einen Satz. "Geil, einfach nur geil." Kochhan, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, bezieht das auf die Massen, die noch immer am Stand der Grünen vorbei in Richtung Viereck ziehen. Unmöglich, schon jetzt die Zahlen zu schätzen, meint er. Überzeugender hätte diese Region nicht auftreten können, fügt er an. Endlich einmal andere Nachrichten!
Es geht an diesem Tag um Bekenntnisse, ein wenig auch um Zahlen. Lange wird gerätselt, wie viele nun wirklich da sind. Kurz vor 13.30 Uhr machen Schätzungen die Runde: "2000 plus...", heißt es. Auf dem Privatgelände der Rechten sollen sich gegen Mittag 400 Leute aufgehalten haben. Pfarrer Matthias Bohl, einer der Aktivisten des Bündnisses, strahlt nicht nur über die Zahl der Gegendemonstranten. Es ist die Stimmung insgesamt, wird er wenig später sagen, als er und die anderen Organisatoren auf der Bühne mitten in Pasewalk Bilanz ziehen.
13.30 Uhr, die Kette schließt sich. Viereinhalb Kilometer Protest! Der Verkehr stockt bisweilen auf der Landesstraße. Dort kurz verweilen müssen auch jene, die Meter weiter wollen - zum Pressefest der "Deutschen Stimme". Was mögen sie jetzt denken... National befreite Zone? Weit gefehlt.
Protest auch als ein Signal in Richtung Landes- und Bundesregierung
Die Kette hält eine geraume Zeit, sie hätte am Ende 500 Meter länger sein können, hat Achim Froitzheim, Sprecher der Kreisverwaltung, aufgerechnet. "Wir waren einfach mehr, als jeder von uns erwartet hat", sagt er. Dietmar Kubica, Stadtvertreter für "Wir in Pasewalk", wertet den riesigen Protest auch als ein Signal in Richtung Landes- und Bundesregierung: Sie werde mehr denn je Stellung beziehen müssen, wenn es um das Thema Rechtsradikalismus geht. Was dort geleistet werde, reiche einfach nicht aus.
Als gegen 16 Uhr auf dem Pasewalker Markt Benno Plassmann, einer der Sprecher des Bündnisses, Bilanz zieht, benennt er einen Grund des Erfolges dieser Aktion: Das Bündnis werde vor allem getragen von Personen, Parteien und Organisationen, die erstmals gemeinsam zeigten, wie sehr sie sich der Region verbunden fühlen. Nur eine lebendige Bürgerschaft, die in Verantwortung handelt, könne die Gesellschaft auf demokratische Weise weiterentwickeln.
Nordkurier-Pasewalk
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