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"Die Mauer des Schweigens einreißen"

Wissenschaftler analysieren den Fall Lichtenhagen - und fordern von Rostockern endlich offene Aufarbeitung.

08.08.2012

Lichtenhagen "Mitleid mit den Roma und Sinti hat bis heute keiner gezeigt." Auch die hätten in den drei Tagen und Nächten der Gewalt gelitten. Doch die "Zigeuner"

ständen nicht hoch im Kurs. Noch immer nicht. Mit Auseinandersetzung hat das für Thomas Prenzel nichts zu tun. Der wissenschaftliche Mitarbeiter im Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Rostock zögert nicht, hart ins Gericht zu gehen. Mit Politikern, die einst auf dem Rücken der Asylsuchenden die bundespolitische Debatte um das Asylrecht zu beeinflussen suchten.

Mit der Justiz, die sich desinteressiert gezeigt, erst elf Jahre später Urteile gesprochen habe. Mit den Medien, die bis jetzt teils unkritisch Vorurteile transportiert hätten. Der 30-Jährige will nicht pauschal verurteilen. Monate hat er sich mit dem "Fall Lichtenhagen" beschäftigt - den Tagen im August 1992, als rassistisch motivierte Gewalt in Rostocks Straßen eskalierte. Er hat das Zeitungsarchiv gewälzt, Protokolle der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse gelesen. Das Ergebnis: Unter dem Titel "20 Jahre Rostock-Lichtenhagen" hat Prenzel eine 88-seitige Publikation vorgelegt, erschienen in der Reihe "Rostocker Informationen für Politik und Verwaltung".

Nicht nur Prenzels Analyse der Ereignisse ist im Heft zu finden. Auch Politikstudent Roman Guski hat sich dem Projekt verschrieben, seinen Beitrag zu den Dimensionen des Rassismus in Lichtenhagen beigesteuert. Der 26-Jährige spricht von einem Pogrom, wenn er die Anschläge in Lichtenhagen meint. Eine Definition, die schon vor fünf Jahren im Landtag heftige Debatten ausgelöst habe. "Um nichts anderes hat es sich jedoch in Rostock gehandelt", gibt sich der Neubrandenburger kompromisslos. Der Faktenlage wegen. Gedenkkultur, so sein Vorwurf, finde in Rostock nur konjunkturell gesteuert statt. "In den vergangenen Jahren ist in dieser Hinsicht fast nichts passiert." Am Miteinander würde es nach wie vor fehlen. Guski verweist auf die Vorfälle, die den zehnten Jahrestag in Lichtenhagen überschatteten. Die Scheiben zweier Asia-Imbisse wurden demoliert, ein Brandanschlag auf einen weiteren und aufs Büro der Arbeiterwohlfahrt im Sonnenblumenhaus verübt. Mit Eiern und Äpfeln sei eine Gruppe spanischer, italienischer und deutscher Jugendlicher kurz zuvor beworfen worden. Sie wollten vorm Sonnenblumenhaus gedenken.

"Eine ständige Gedenkstätte fehlt in der Stadt", sind sich Guski und Prenzel einig. Für sie auch ein Beleg, dass sich die Stadt des dunklen Flecks in ihrer jüngsten Geschichte nur halbherzig stelle.

Das Sonnenblumenhaus als Ort der offiziellen Erinnerung? Aus ihrer Sicht keine Alternative. "Es handelt sich um ein normales Wohnhaus. Das ist kein Ort, um zu reflektieren." Jüngere Rostocker, so ist Guski überzeugt, würden das Sonnenblumenhaus zudem nicht als Symbol erkennen. "Es mangelt ihnen an Wissen über die Ausschreitungen." Der angehende Politikwissenschaftler will die Schulen stärker in die Pflicht nehmen. Das neue Druckwerk sei eine gute Möglichkeit, Pädagogen entsprechend zu präparieren. "Warum keine Dauerausstellung einrichten, in der es um die Welle rechter Gewalt geht, die in Lichtenhagen ihren Anfang nahm und in Mordanschlägen von Mölln und Solingen mündete?"

Offene Worte fordern die beiden jungen Männer von den Rostockern ein. Keine einfache Sache, wie sie wissen. "Die Grenzen zwischen Tätern und Zuschauern sind verwischt." Zeitzeugen, die sie für ihre Forschungsarbeiten befragt haben, wollten anonym bleiben. "Das ist leider typisch in der Stadt." Diskutiert werde eher im privaten Kreis. Prenzel spricht aus Erfahrung. Für den 30-Jährigen eine Überraschung, dass selbst im Familienkreis Ressentiments Fuß fassen konnten. "Wir müssen die Mauer des Schweigens einreißen", sagen die Autoren. "Rostock ist im internationalen Blickfeld", so Prenzel.

Die Publikation kann kostenlos unter www.uni-rostock.de heruntergeladen werden.

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