Partei stigmatisiert Homosexuelle
02.08.2012
UECKER-RANDOW."Ich bin einigermaßen entsetzt, dass derart mittelalterliches Denken in unserer Region kursiert." Steffen Simon traute seinen Augen nicht, als ihm das Faltblatt der christlich-fundamentalistischen Partei "Christliche Mitte" jetzt in die Hände fiel. Betitelt ist dieses mit "Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Homosexualität". Steffen Simon sieht die darin gebotenen Fakten jedoch als "menschenverachtende Diffamierung von Homosexuellen."
Für die Kernaussage des Faltblattes bemüht die "Christliche Mitte" das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft, das auf seiner Internetseite verkündet, sich "für Männer und Frauen einzusetzen, die ihre homosexuelle Orientierung als unerwünscht und als konflikthaft mit ihren Lebenszielen, Überzeugungen und Wertvorstellungen erleben." Wenige Klicks verraten, dass im Institut Homo- oder Transsexualität voreingenommen und aus einem engen christlichen Blickwinkel betrachtet werden. Dieses Institut wird indes im Faltblatt als einzige wissenschaftliche Quelle zitiert: "Von heterosexuellen Empfindungen abweichende Gefühle, wie zum Beispiel homosexuelle, sind nicht angeboren. Studien, die eine einseitig biologische Erklärung von Homosexualität belegen wollten, sind bisher gescheitert und werden auch von der Homosexuellen-Lobby nicht mehr angeführt." Darüber kann André Sandmann von der Neubrandenburger Initiative Rosa-Lila nur schmunzeln. "Natürlich gibt es solche Quellen, wenn man sie sucht. Jeder kann seine Erkenntnisse publizieren", so der Sozialpädagoge.
Tatsächlich zeigen moderne wissenschaftliche Publikationen ein anderes Bild. Für Aufsehen sorgte beispielsweise 1999 die Publikation des Amerikaners Bruce Bagemihl. Auf über 700 Seiten präsentierte er seinerzeit Untersuchungsergebnisse aus dem Tierreich. Alle der 450 beobachteten Arten zeigten sowohl hetero-, homo- als auch bisexuelle Verhaltensweisen auf. Die Bandbreite reichte dabei vom sexuellen Abenteuer bis zur lebenslangen Bindung. Egal ob Delfin, Giraffe oder Möwe. Besonders war diese Publikation auch, weil sie ein selbst bei Forschungen im Tierreich unterschwellig geltendes Tabu, nämlich das sich auch in der Fauna das Lustprinzip entfaltet, durchbrach. Bis dato stellte man rein den animalischen, biologischen Fortpflanzungstrieb als natürlich dar.
Derlei Stigma begegnet Sandmann auch in seiner Arbeit. "Oftmals ist unser Sprachgebrauch stark von Kategorien und Schubladen geprägt", sagt er. So werden Menschen als "homosexuell" oder "bisexuell" bezeichnet. Tatsächlich glaubt er, dass jeder Mensch sich sexuell unterschiedlich verhalten kann und Klischees daher nicht weiterhelfen. Michael Feodor sieht genau darin die Richtigkeit des Faltblattes der "Christlichen Mitte". "Wir halten es für notwendig, solche Schriften zu verteilen. Wir wollen fehlgeleiteten Menschen etwas entgegensetzen", unterstreicht der Sprecher der Partei. Unregelmäßig und ohne Anlass verteile man daher im Bundesgebiet die Publikationen der "Christlichen Mitte". Hierin will man auf Bibelstellen verweisen und "Glaube und Vernunft" durch wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführen.Zielgruppe seien Jugendliche, die so unter anderem "nicht der Gefahr ausgesetzt sein sollen, an AIDS zu erkranken", betont Feodor. Doch weckt ein solches Faltblatt überhaupt das Interesse junger Menschen, sich über gesundheitliche Gefahren zu informieren? Und unterliegt die "Christliche Mitte" hierbei nicht einem Trugschluss? Denn die Übertragungswege von HIV werden zwar beharrlich mit Homo- oder Bisexualität verbunden, tatsächlich sprechen aber Zahlen aus Regionen in Asien oder die Entwicklung in der Ukraine eine andere Sprache. Experten sind sich sicher: Einzig Verhütung, offene und vorurteilsfreie Aufklärungs- und Beratungsangebote sind der Schlüssel zur Eindämmung der Infektionsgefahr. Wege, die der streng interpretierte Glaube der "Christlichen Mitte" verschließt. Hier geht man sprachlich brutal zur Sache: "Homos haben mehr als sechs Millionen AIDS-Tote zu verantworten, die sie ihrer widernatürlichen Lustbefriedigung geopfert haben."
"Menschen, die so einseitig und voreingenommen denken und die Bibel derart interpretieren, haben den Gedanken der Nächstenliebe nicht verstanden", ist sich Sandmann sicher. Zahlreiche Anrufe und E-Mails habe es aufgrund des Faltblattes bei der Initiative Rosa-Lila gegeben. Menschen seien unsicher gewesen, ob die Behauptungen noch von der Meinungsfreiheit gedeckt seien. Die Initiative will das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft suchen. Schon vor Jahren reichte man Klage ein.
Mit gerichtlichen Erfolgen brüstet sich derweil die "Christliche Mitte", die ein "freies Deutschland nach Gottes Geboten" anstrebt. Das Landgericht Münster habe eine Klage gegen das Faltblatt zugunsten der Partei entschieden. Die Wirkung bleibt dennoch mager: 6826 Stimmen erhielt man bei der Bundestagswahl 2009.
Nordkurier-Neubrandenburg
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