Widerstand gegen Neonazis: Vorpommern steht auf
Der Protest in der Region nimmt neue Formen an. Gestern gründeten 100 Bürger ein Bündnis gegen Rechts in Pasewalk. Syrbe und König rufen zum Mitmachen auf.
06.07.2012
Greifswald/Pasewalk Vorpommern, ist das nicht jener Landstrich, in dem die Rechtsextremen walten können wie sie wollen? "Diesen Mythos verbreiten die rechten Kameradschaften hier gern", sagt Rechtsextremismusexperte Günther Hoffmann aus der Nähe von Anklam. Und leider habe er auch einen wahren Kern. Doch jetzt formiert sich offenbar breiter Protest in der Region.
In Pasewalk hat sich gestern ein Bürgerbündnis gegründet, das einer Großveranstaltung der Neonazis im August bei Pasewalk ein Demokratiefest entgegen setzen will. "Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt", heißt das Bündnis, das auch weitere Aktionen gegen Rechtsextremismus bündeln soll.
"Hier herrscht Aufbruchstimmung", erzählte nach der Gründung Annett Freier vom "Demokratieladen" in Anklam, eine der Initiatorinnen. Rund 100 Aktive aus Anklam, Greifswald, Rostock, Wismar, Hamburg und anderen Städten hätten zusammen gesessen, darunter Vertreter aller demokratischen Parteien. "Es gab in unserer Region bisher keine Kultur des offenen Protests gegen Rechts", sagt Annett Freier.
"Jetzt verknüpfen sich Leute, um zu sagen: Wir lassen es nicht zu, dass sich bei uns die rechtsextremen Kräfte weiter zusammenballen!"
Auslöser ist eine Nazi-Großveranstaltung mit Konzerten und Reden: Am 10. und 11. August wollen schätzungsweise 1000 Neonazis aus ganz Deutschland ihr "Pressefest" im nahegelegenen Dorf Viereck feiern (OZ berichtete). Diese Veranstaltung der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme", findet jährlich in wechselnden Bundesländern statt. Dass diesmal Vorpommern ausgewählt wurde, ist kein Zufall, sagen Beobachter. "Die Veranstalter vermuten hier wenig Widerstand", erklärt Rechtsextremismusexperte Hoffmann. "Und wahrscheinlich wollen sie den Kameradschaften auch Respekt zollen für die geleistete Arbeit." In Vorpommern sind rechte Kameradschaften seit über zehn Jahren aktiv und zudem eng mit der NPD verzahnt.
In dem gestern gegründeten Bündnis sieht Hoffmann nun aber eine "neue Qualität des Widerstands". Nicht nur, weil damit Einzelinitiativen gebündelt würden, sondern auch, weil sich führende Politiker hinter die Mitglieder stellten. "Solche Signale haben bislang gefehlt", kritisiert der 55-Jährige.
Landrätin Barbara Syrbe (Die Linke) rief gestern vor der Bündnis-Gründung zusammen mit dem Greifswalder Oberbürgermeister Arthur König (CDU) zum Protest gegen das Nazifest auf. "Wir appellieren an alle, den neuen Nationalsozialisten nicht das Feld zu überlassen und an den demokratischen Kulturveranstaltungen teilzunehmen", erklärte Syrbe. König sagte, es sei wichtig "zu zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung antidemokratisches Handeln, Intoleranz sowie menschenverachtendes Gedankengut ablehnt."
Nach Schilderung von Annett Freier kamen auch der Bürgermeister und weitere Dorfbewohner von Viereck zur Bündnis-Gründung. "Sie sagen, wir alle hätten schon zu lang nur zugeguckt", berichtet sie. In einem alten Schweinestall in Viereck finden nach der Beschreibung von Hoffmann schon seit 2009 immer wieder Neonazi-Treffen statt. Aus Angst, den Neonazis über den Weg zu laufen, trauten sich viele Bewohner aber nicht, ihr Missfallen zu zeigen. "Umso wichtiger ist das Bündnis."
Der Landkreis Vorpommern-Greifswald als Ordnungsbehörde erwägt umfangreiche Auflagen für das Fest. Verbieten lasse es sich aber vermutlich nicht - weil die Besucher sich auf privatem Grund treffen.
Am 12. Juli, 17 Uhr, kommt das neue Bündnis in der Marienkirche Pasewalk zur Gründung von AGs zusammen.
Ostseezeitung-Greifswald
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