Sinti-Kinder haben wieder einen Namen
Die erste Gedenktafel für während der Nazizeit in Mecklenburg-Vorpommern umgekommene Sinti und Roma wurde gestern in Neustrelitz enthüllt.
12.06.2012
Neustrelitz (mn) Fünf Namen, fünf kurze Leben, fünf Kinder, denen die Nazis das Leben entrissen haben. Am Katholischen Kinderhaus in der Neustrelitzer Tiergartenstraße kündet seit gestern eine Gedenktafel von der Deportation dieser fünf Sinti- und Roma-Kinder aus dem Katholischen Kinderheim in ein Vernichtungslager der Nazis. Es ist die erste Gedenktafel, die für die Minderheit der Sinti und Roma in Mecklenburg-Vorpommernentstand.Die Jungen wurden während des 2. Weltkriegs in das Katholische Kinderheim gebracht. Am 6. März 1943 kamen sie - auf einem Lkw verladen - per Sammeltransport zunächst in ein Zwischenlager und später nach Auschwitz. Dort verstarben Franz Rose, Fritz und Paul Wagner, Alex Rose und Max Groß nach kurzer Zeit.
Dass das Schicksal der Kinder überhaupt bekannt wurde, dass die Jungen ein Gesicht und dass sie wieder einen Namen bekommen haben, ist engagierten Neustrelitzer Bürgern zu verdanken - und einem mutigen Geistlichen, der 1943 die Vorgänge in dem Kinderheim heimlich fotografierte: Kaplan Heinrich Kottmann.
Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, erinnerte gestern in Neustrelitz anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel daran, dass eine lebendige Zivilgesellschaft Bürger braucht, die sich vor Ort für gemeinsame Werte einsetzen. Es seien die einzelnen Lebensgeschichten der Opfer, die "uns eine Ahnung geben vom unfassbaren Ausmaß der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen". Die Sinti-Kinder aus Neustrelitz stünden beispielhaft für die unzähligen menschlichen Tragödien des Holocaust. Romani Rose erinnerte auch daran, dass dem Holocaust 500000 Sinti und Roma zum Opfer fielen.
Die Gedenktafel für die Kinder bezeichnete er als einen wichtigen Beitrag für die heutige Gesellschaft, in der Menschenverachtung keinen Platz mehr haben dürfe. Den Angaben des Präsidenten zufolge sind in den vergangen Jahren in über 100 Orten Deutschlands Erinnerungszeichen entstanden, die der verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gedenken.
Für die Zukunft werde entscheidend sein, die Herzen und Köpfe der jungen Generation für die Menschenrechte zu gewinnen. Beispiele aus der Geschichte könnten durchaus eine Vorbildwirkung erzeugen. Der Kaplan Heinrich Kottmann, der den Abtransport der Kinder fotografiert hatte, sei ein solches Beispiel. Ihm seien auch die letzten Zeugnisse der Kinder zu verdanken. Romani Rose dankte abschließend allen Menschen, die den "wunderbaren Gedenkort" für die Kinder Wirklichkeit werden ließen.
Herausragenden Anteil daran haben die beiden Neustrelitzer Josef Wagner und Ernst Dörffel, die in teils sehr aufwändigen Recherchen und in enger Kooperation, unter anderem mit dem Dokumentationszentrum für Sinti und Roma in Heidelberg die Namen der Kinder ausfindig machten (der Nordkurier berichtete). Der Schweriner Weihbischof Norbert Werbs segnete die Gedenktafel. Viele Teilnehmer der Veranstaltung, darunter auch Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD), legten weiße Rosen des Gedenkens nieder.
Nordkurier-NZ
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