Hakenkreuz in Kneipe sorgt für Aufschrei
Das Nazi-Symbol in einer Warnemünder Bar sorgt für Diskussionen. Die Betreiberin will das Bild nun abhängen.
12.06.2012
Warnemünde Verwirrung um ein vermeintliches Nazi-Symbol in Warnemünde: In der Musikbar Honky Tonk hängt ein Hakenkreuz an der Wand - schwarz, auf weiß-rotem Hintergrund. Am vergangenen Wochenende besuchten Tausende Touristen das Seebad. Und Hunderte besuchten die Bar. Sie trauten ihren Augen kaum, als sie neben der Dartscheibe das verdächtige, gerahmte Bild sahen.
"In dieser Farbigkeit ist es eindeutig ein Hakenkreuz, das den Nationalsozialismus verherrlicht. Diese Form gibt es zwar seit vielen Jahrhunderten, aber die Farben schwarz, weiß und rot stehen für die Kaiserzeit beziehungsweise die Nazifarben", sagt Gerd-Max Lippmann, Grafiker an der Design Akademie Rostock. Das gerahmte Bild sei "ganz klar eine Beschönigung" und somit verboten. "An einer Häuserwand wäre so etwas ein rechtes, verfassungsfeindliches Symbol", sagt Wolfgang Friedrich, Vorsitzender des Kunstvereins Rostock.
Um eine künstlerische Provokation handelt es sich nach Einschätzung beider keinesfalls. "Das hängt da einfach, dilettantisch gezeichnet, mit eindeutiger Farbkombination, die nur in einem geschichtlichen Kontext gemeint sein kann", sagt Lippmann. Nicht alles, was in einem Rahmen hänge, sei Kunst - und "optische Grenzgänge wie diesen sollte man vermeiden", ergänzt Friedrich. Und so etwas nicht an die Wand hängen.
Bodo Kommnick trat kürzlich mit Knorkator-Gitarrist Buzz Dee im Honky Tonk auf. Er bemerkte das Bild zunächst nicht. "Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder, es ist wirklich als Hakenkreuz gemeint, dann find' ich das natürlich richtig scheiße. Oder es ist noch gar keinem aufgefallen, dann ist es eine Nachlässigkeit. Vielleicht hat das Bild aber auch eine ganz andere Aussage, mit der man sich erstmal befassen muss." In dem Fall sei aber eine Kommentierung des Gemäldes sinnvoll. "Das ist ein heftiges Bild, und dazu in aller Öffentlichkeit" sagt der Potsdamer Politikwissenschaftler Gideon Botsch.
Strafbar ist das Zeichnen jedoch nicht. Kunst, Lehre und Berichterstattung dürfen die verfassungsfeindlichen Symbole laut des Strafgesetzbuchs zu Aufklärungszwecken verwenden. In öffentlichen Räumen, zumal ohne weitere Erklärung, ist das problematisch. "Das Bild ist in der Bar sehr gut zu sehen und natürlich erkennen viele darin das Hakenkreuz", sagt ein Sprecher der Rostocker Polizei. Rechtlich handele es sich allerdings nicht um das seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945 verbotene Symbol. Die linksgedrehte Swastika, so die Bezeichnung der Form, habe keine rechtsradikale Bedeutung.
Wissenschaftler Botsch hält das Bild für geschmacklos, aber auch für strafbar. "Sieht eine Schmiererei so aus, wird es als politisch motivierte Straftat behandelt".
Historisch handelt es sich bei der Variante um ein uraltes religiöses Zeichen. Die linksgedrehte Swastika symbolisiert im antiken Griechenland das Böse. Die Göttin Kali wird damit assoziiert. Sie ist die Muttergöttin und steht nach Außen für Tod und Zerstörung. In ihrem Inneren ist sie aber liebevoll und fürsorgend. Im Hinduismus besitzt es ebenfalls spirituelle Bedeutung. "In unserer Kultur steht das Sonnenkreuz für Glück, Schutz und Wohlergehen", sagt der in Rostock lebende Inder Raghvan Sharma (48). Der Symbolforscher Peter Diem erklärt: "Die Swastika ist ein klassisches Ursymbol. Es wurde über Jahrtausende in vielen Teilen der Welt als Heilszeichen oder Dekorationselement verwendet, bis es am Ende des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa zum zentralen Symbol von Deutschnationalismus und Antisemitismus wurde".
Trotzdem: Der schwarz-weiß-rote Hintergrund interessierte nach Polizeiangaben auch den Verfassungsschutz. Die Behörde sei jedoch zu dem Schluss gekommen, nicht einschreiten zu müssen. Auch die städtischen Ordnungsbehörden sind alarmiert - greifen aber nicht ein. "Obwohl es strafrechtlich nicht relevant ist, besteht doch eine moralische Verpflichtung des Betreibers, dieses Bild abzuhängen", sagt ein Polizeisprecher.
Bedauerlich sei die Zeichnung deshalb, weil Warnemünde für viele Feriengäste das Tor in die Stadt und nach Deutschland sei - und diese durch das vermeintliche Nazi-Symbol einen falschen Eindruck gewonnen haben könnten. "Missverständlich ist das auf jeden Fall. Es wäre gut, wenn es abgehängt wird", sagt auch der Warnemünder Holger Peyer (54).
Die Bar-Betreiberin zeigt sich einsichtig: "Ich werde es abhängen, weil es nicht zum ersten Mal für Verwirrung sorgt", sagt Katja Dietze (51). Sie habe im August 2011 die Einrichtung komplett von ihrem Vorgänger übernommen.
Björn Wisker
Ostseezeitung-Rostock
|