Lichtenhäger kleben für besseres Image
Ein Stadtteil erinnert mit Projekten und Veranstaltungen an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von 1992.
30.05.2012
Lichtenhagen "Lichtenhagen bewegt sich - Gemeinsam füreinander" steht auf dem kleinen Aufkleber, der gestern in Lichtenhäger Hauseingängen angebracht worden ist. Das erste Exemplar klebte Hauswart Rene Schetzior in der Wolgaster Straße 15 an. 28 Hauseingänge bestückt Schetzior dieser Tage im Stadtteil mit dem Aufkleber. "Wir haben hier rund 800 Wohnungen, etwa 2000 Mieter", erläutert Katrin Kröger von der Wohnungsgenossenschaft (WG) Warnow, "und wir unterstützen die Initiative, die zeigen soll, dass sich Lichtenhagen in den letzten 20 Jahren sehr verändert hat."
Die Haustüraufkleber-Aktion, an der sich bisher vier der sechs Wohnungsgesellschaften im Stadtteil beteiligen, bildet den Auftakt der Kampagne "Lichtenhagen bewegt sich", mit der Rostock an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im August 1992 rund um das Sonnenblumenhaus erinnern will. Gleichzeitig will ein breites Bündnis aus etwa 35 Vereinen, Initiativen und Organisationen in vielen Aktionen und Veranstaltungen aufzeigen, wie sich der Stadtteil in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat. "Wir wollen möglichst viele Bürger mitnehmen zu diesem Jahrestag, noch einmal gezielt über die Ereignisse informieren, gemeinsame Potenziale aufzeigen und Möglichkeiten der aktiven Mitgestaltung an interkulturellen und integrativen Projekten bieten", sagt Torsten Sohn, Geschäftsführer des Vereins "Bunt statt braun", der zusammen mit Ortsbeirat, Stadtteiltisch und Kolping-Begegnungszentrum die Aktivitäten koordiniert.
Und da ist so einiges geplant. Schon morgen wird eine Fotoausstellung "Lichtenhagen - deine Gesichter" im Begegnungszentrum eröffnet. Der Lichtenhäger Kinderrat hat Einwohner aller Altersgruppen porträtiert. Gerade Neuzugezogene wüssten kaum etwas von dem Anschlag auf das Wohnhaus der ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter, sagt Ortsbeiratsvorsitzender Ralf Mucha. "Und die Älteren fühlen sich oftmals in die Rolle der Rechtfertigung gedrängt", ergänzt er. Lichtenhagen will weg von diesem NegativImage und den schrecklichen Bildern von damals friedliche und fröhliche entgegensetzen. "Auch deshalb haben wir diese öffentliche Kampagne mit zahlreichen Veranstaltungen zum Jahrestag der Ereignisse aufgelegt", sagt Mucha.
Lesungen, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Filmveranstaltungen, Kinder- und Familienfeste - die Palette der Aktivitäten ist so bunt wie der Stadtteil. Höhepunkt wird am 26. August eine große Gedenkveranstaltung sein, zu der auch Bundespräsident Joachim Gauck geladen ist. "Noch wissen wir nicht, ob er kommt", berichtet Sohn. Das komplette Veranstaltungsprogramm soll ab 1. Juni auf dem Internetportal www.lichtenhagen-bewegt-sich.de abrufbar sein.
Janine Bondsa freut sich schon auf die Aktivitäten. "Es ist wichtig, an die Ausschreitungen zu erinnern, wir dürfen diese schrecklichen Augusttage einfach nicht vergessen", findet die 24-Jährige.
Manchen Bewohner indes plagt die Sorge, dass die vielen Medien, die sich bereits angekündigt haben, nur wieder die Fotos des Infernos von damals verbreiten und Lichtenhagen nicht aus den Negativschlagzeilen herauskommt. "An die Tage zu erinnern, ist gut", meint Erika Bieber (73), die die Geschehnisse im August 1992 genau verfolgt hat. Aber ein Gedenken in kleinerem Rahmen wäre ihr lieber. Der Ausländeranteil in Lichtenhagen beträgt heute 3,4 Prozent.
Ausschreitungen 1992
Vom 22. bis 26. August 1992 kam es in Lichtenhagen zu fremdenfeindlichen, gewalttätigen Übergriffen. Die tagelangen Krawalle richteten sich zunächst gegen die Überfüllung der dort ansässigen Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in MV. Nach deren Evakuierung schlug die Gewalt um auf die Polizeikräfte und das brennende Sonnenblumenhaus, in dem sich viele vietnamesische Vertragsarbeiter und ein Fernsehteam des ZDF aufhielten. An den Ausschreitungen beteiligten sich einige hundert rechtsextreme Randalierer, die zeitweise von bis zu 2000 teils applaudierenden Schaulustigen beobachtet wurden.
Doris Kesselring
Ostseezeitung-Rostock
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